Sport : Vom Reiz des Tortretens

Ein neues Buch analysiert die Diplomarbeiten der deutschen Trainer-Pioniere Otto Nerz und Sepp Herberger

Erik Eggers

Die sorgfältige Recherche des Muster-Absolventen war international, auch wenn sie aus heutiger Sicht manchmal in eine etwas bizarre Richtung abzielte. „In England wird anders trainiert“, konstatierte Otto Nerz in seiner Diplomarbeit „Fußball-Wintertraining“, mit der er im Juni 1925 sein Studium an der Deutschen Hochschule für Leibesübungen (DHfL) in Berlin abschloss. Viel ausgereifter, fand Nerz, seien dort insgesamt die Strukturen. Als Beleg führte er unter anderem die Beziehungen der Professionals zum weiblichen Geschlecht“ ins Feld. Neun von elf Spielern der Elf von Aston Villa, hatte Nerz ausgekundschaftet, waren verheiratet. „Geregelter Geschlechtsverkehr wird demnach nicht als hemmend für die Leistung angesehen“, folgerte er also, „jedenfalls aber werden die Gefahren der Ansteckung vermindert. Auch können die Spieler ihren Geschlechtsverkehr den körperlichen Anforderungen ihres Berufes entsprechend regulieren und einstellen.“

Leider ist nicht überliefert, welche Konsequenzen sich aus diesen Beobachtungen womöglich für die deutschen Nationalspieler ergaben. Rund ein Jahr später nämlich ernannte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Nerz zum ersten „Bundes-Fußballlehrer“, zwecks generalstabsmäßiger Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1928 in Amsterdam, die seinerzeit als Weltmeisterschaften galten. Dort verloren die Deutschen im Viertelfinale mit 1:4 gegen den späteren Sieger Uruguay. Ob Kalb, Stuhlfauth & Co. damals ein zu ausschweifendes Leben führten? Das nicht nur für Sporthistoriker interessante Buch „Sepp Herberger und Otto Nerz“, das nun die Diplomarbeiten der Ahnen deutscher Trainerkunst dokumentiert und kommentiert, bietet allerhand hübsche Anekdoten. Vor allem aber zeigt es, auf welch archaische Art das Fußballtraining in den Zwanzigerjahren vor sich ging. Nerz kritisierte dies: „Es ist eigentümlich, welch großen Reiz das Tortreten ausübt, auch dort, wo unter guter Leitung geübt wird. Kaum ist der Sportlehrer weg, so versammelt sich sofort wieder alles vor dem Tor, und es geht los.“ Konditionsläufe betrachtete man gar als überflüssig, und nicht wenige Stars griffen (heimliche Vorbilder für Mario Basler?) sogar in Halbzeitpausen zur unvermeidlichen Zigarette.

Im Gegensatz dazu besaßen die methodischen Überlegungen, die Sepp Herberger in seiner 1930 eingereichten Abschlussarbeit „Der Weg zur Höchstleistung im Fußballsport“ anstellte, fast schon avantgardistische Züge, so banal und anachronistisch sie heute auch wirken mögen. Ein amüsantes Detail: Absolvent Herberger, der nach dem WM-Sieg von Bern 1954 gerühmt wurde als Meister der Psychologie, fiel durch eben diese Prüfung, und in der Wiederholung reichte es nur zu einem „genügend“. Er entschuldigte das später immer damit, er habe aufgrund des parallel stattfindenden Trainings nie an den abendlichen Vorlesungen teilnehmen können.

Jürgen Buschmann (u.a.): „Sepp Herberger und Otto Nerz. Die Chefdenker und ihre Theorien“, Agon-Verlag Kassel 2003, ISBN-3-89784-195-9, 164 Seiten, € 24,80.

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