Sport : Vom Schafhirten zum Nationalhelden

Wie waren die Olympischen Spiele 1896 in Athen? Ein Rückblick auf den Marathonlauf

Frank Bachner

Es war ziemlich kühl an diesem 10. April. Ein unangenehmer Wind blies, die Temperaturen lagen bei acht Grad, auf den Bergen rund um Athen lag noch Schnee. Aber es waren ideale Temperaturen für die 17 Männer, die im Dorf Marathon standen und auf das Startsignal warteten. Es waren ideale Bedingungen für die Teilnehmer des Marathonlaufs bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit, 1896 in Athen. Ein Australier war in der Gruppe, er hatte schon über 800 und 1500 Meter gewonnen und Bronze im Tennis geholt. Dann gab es einen Franzosen, er hatte schon Silber über 800 Meter geholt. Und einen US-Amerikaner sowie den Ungarn Gyulai Kellner, der in Ungarn mal einen 20-Kilometer-Lauf gewonnen hatte. Alle anderen Läufer waren Griechen. Einer von ihnen war Spiridon Louis, ein Kleinbauer, der auf Dörfern klares Wasser verkaufte und sonntags Briefe austrug. Von ihm hieß es, er sei in seiner Militärzeit gut zu Fuß gewesen. Louis hatte eine Freundin, die Tochter eines wohlhabenden Bauern. Nur war der, wie seine Frau auch, wenig erbaut von der Beziehung. Als Louis auf das Startsignal wartete, war er 23 Jahre alt.

Eigentlich war es ja Wahnsinn, was er hier machte. Fünf Tage zuvor erst war er die Marathonstrecke gelaufen, im zweiten Qualifikationsrennen, das die Griechen organisiert hatten. Jeder Grieche durfte sich für den olympischen Marathon bewerben, es hatte einen normalen Aufruf im Land gegeben. Wer die Marathondistanz durchhielt, war nominiert. So einfach war das. In der ersten Qualifikation waren das sieben Mann, in der zweiten sechs. Der sechste war Louis, er hatte 3:18 Stunden benötigt. Für rund 39 Kilometer allerdings. So groß war die Entfernung vom Zentrum Marathons zum Olympiastadion in Athen. 42,195 Kilometer wurden erst Jahre später als Marathon-Distanz festgelegt.

Aber auch 39 Kilometer in 3:18 Stunden waren eine beachtliche Leistung für Louis. Er hatte schließlich nicht groß trainiert für so eine Distanz, wie die meisten anderen Griechen im Übrigen auch nicht. Nur einer hatte sich extrem vorbereitet. Viermal war er im Training die olympischen Marathonstrecke gelaufen. Aber als es darauf ankam, am 10. April 1896, da kam er nicht ins Ziel.

Am Start blickten die Läufer verstohlen auf Charilaos Vasilakos. Er galt als Favorit, er hatte die schnellste Qualifikationszeit, 3:06 Stunden. Mit Spiridon Louis dagegen rechnete kaum einer. Weshalb auch?

Der 23-Jährige trug wie seine Konkurrenten auch eine lange Hose, ein Hemd und Straßenschuhe, und er lief taktisch klug. Er ging nicht zu schnell an, dafür aber lief er konstant. Die Ausländer nicht, sie begannen schnell, sie lagen auch früh in Führung. An der Straßenrändern jubelten ihnen begeisterte Menschen zu, Tausende standen an der Strecke bis zum Olympiastadion. In den Dörfern griffen die Läufer gierig und dankbar zum Obst und zum Wasser, das ihnen Bauern reichten. Pferdekutschen rumpelten vor den Läufern, sie bildeten den Begleittross. Auf den Ladeflächen beobachteten griechische Ärzte aufmerksam die Athleten. Eingreifen mussten sie nicht, es gab keine spektakulären Zusammenbrüche. Aber sie registrierten sehr genau, dass ein Athlet nach dem anderen aufgab. Sieben Mann waren es insgesamt. Der Franzose zum Beispiel konnte bei Kilometer 25 nicht mehr. Der Australier hielt länger durch, aber auch er kam nicht ins Ziel. Zwischen Kilometer 30 und 35 sah er plötzlich Louis neben sich, den Außenseiter. Das gab ihm den Rest. Erschöpft gab der Australier auf.

Aber Spiridon Louis lief das Rennen seines Lebens. Weder Kellner, der Ungar, noch Vasilakos, der Favorit, konnten ihn halten. Im Stadion warteten 70 000 Menschen auf die Läufer, sie hatten mit vielen gerechnet, aber nicht, dass plötzlich dieser junge Grieche als Erster ins Stadion einbog. Nichts hielt sie mehr zurück, sie jubelten und feierten Louis, sie begleiteten seine letzten Meter mit donnerndem Applaus. Sogar König Georg und sein Sohn Konstantin hüpften aus der Ehrenloge, um Louis zu feiern. Nach 2:58,50 Stunden lief Louis durchs Ziel. Charilaos Vasilakos kämpfte sich als Zweiter ins Ziel, besiegt von einem Außenseiter. Dann kam noch ein Grieche, Spiridon Velokas. Die drei ersten Plätze im prestigeträchtigen Marathon für Griechenland, das löste einen nationalen Rausch aus. Der wurde allerdings kurzzeitig eingedämmt. Spiridon Velokas wurde nachträglich disqualifiziert. Zuschauer hatten gesehen, dass Velokas einen Teil der Strecke auf einem Pferdefuhrwerk absolviert hatte.

Aber viel wichtiger war für die Menschen Spiridon Louis, der Kleinbauer, der Ruhm und Ehre übers Land gebracht hatte. Zur Belohnung erhielt Louis ein großes Stück Land. Einen Marathon lief er nie wieder. Aber die größte Freude bereiteten ihm die Eltern seiner Freundin: Sie sagten nach seinem Sieg begeistert Ja zur Beziehung ihrer Tochter.

Mitarbeit: Dr. Karl Lennartz, Leiter der Olympischen Forschungsstätte der Deutschen Sporthochschule Köln.

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