Sport : Vom Tourenwagen in die Formel 1

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Von Frank Bachner

Berlin. Es war gestern nicht schwer, Marcel Hacker zu erkennen. Die Buchstaben auf dem Eishockey-Trikot der Kölner Haie, das er gestern trug, waren ja groß genug aufgedruckt: MARCEL HACKER. Niemand sonst auf der Regatta-Anlage in Berlin-Grünau hatte ein Eishockey-Trikot, deutsche Meisterschaften im Rudern sind ja eine eher nüchterne Angelegenheit. Deshalb trat Hacker nicht bloß als bester deutscher Einer-Athlet auf, sondern ein bisschen auch wie ein Paradiesvogel, als er da so stand und mit ein paar Ruderinnen schwatzte. Irgendwann ist Hacker bestimmt auch Robert Sens vom Berliner Ruder-Club über den Weg gelaufen. Wenn die beiden miteinander reden, bleibt es auch beim Schwatz. Sportliche Tipps gibt der Skuller Hacker dem Skuller Sens nicht. „Der wäre ja blöd“, sagt Sens, „ich würde das auch nicht machen.“

Na ja, es wäre schon eine nette Geste. Sens ist ja nicht wirklich ein Gegner für ihn. Hacker fährt seit Jahren mit Skulls, also mit zwei Ruderblättern, Sens erst seit 2002. Bis dahin saß er in einem Riemenboot, hatte also nur ein Blatt in der Hand. Das andere in seinem Zweier ohne Steuermann hatte Detlef Kirchhoff aus Potsdam. Mit Kirchhoff wurde Sens 1998 Weltmeister und 1999 Vize-Weltmeister, aber 2000 scheiterten sie in Sydney als Neunte, und 2001 lief gar nichts mehr. Sens hätte nun einen anderen Partner benötigt. Aber weil er keinen fand und mit Riemen-Bundestrainer Grahn nicht gut auskam, hatte er ein Problem. Er konnte aufhören oder umsteigen auf ein Skull-Boot.

Sens stieg um. Statt Riemen nun halt Skull, in Ordnung. Wo ist das Problem? „Das Problem“, sagt Dieter Öhm, Sens’ Trainer, „ist, dass du ohne Vorkenntnisse mit Skulls so einen Wechsel vergessen kannst. Das bekommst du nie hin.“ Vom Riemen zum Skull, das ist so wie der Umstieg von einem Tourenwagen in ein Formel-1-Auto. „Du brauchst viel mehr Gefühl“, sagt Sens, „du benötigst mehr Kraft, weil du mehr Wasserwiderstand hast.“ Skull-Boote sind technisch erheblich anspruchsvoller als Riemen-Boote. „Das Skull-Boot wird mehr geschoben. Beim Riemen wird eher das Blatt ins Wasser geprügelt“, sagt Sens. „Eine komplette Saison“, erklärt Öhm, der Trainer, „braucht einer, um den neuen Stil zu beherrschen.“ Aber nur, wenn er früher schon mal Skulls bewegt hatte. Sens war 1995 mal Junioren-Weltmeister im Doppel-Vierer, in einem Skull-Boot also, nur deshalb schafft er überhaupt den Umstieg. „Es geht ja nicht bloß darum, mit dem Skull-Boot vorwärts zu kommen, Robert will ja vorne mitfahren“, sagt Öhm. Dazu müssen die Blätter möglichst optimal eintauchen, jede noch so minimale Verzögerung stört die Boots-Balance und verringert die Geschwindigkeit.

Sens hat das Ganze im Frühjahr im Einer bei Messfahrten erstmals genau getestet. Es war ein seltsames Gefühl, aber der Test lief besser als erwartet. „Und jetzt“, sagt der 24-Jährige, „habe ich den Umstieg geschafft.“ Ach ja? Öhm hat da noch so seine Zweifel.

Sens ist ja auch in eine andere Ruder-Welt eingetaucht. Die Skuller haben mit Riemenleuten wenig zu tun. Für Sens war dieser Wechsel nicht ohne Risiko, schließlich „gab es ja Vorbehalte gegen mich“. Er galt als Quertreiber. Als es 2000 in Sydney Unruhe im Lager der Riemen-Ruderer gab, galt Sens als einer der Auslöser des Theaters.

Abgehakt, sagt Sens. Er hat jetzt einen anderen Bundestrainer, Lothar Trawiel, zuständig für die Skuller. Trawiel nahm ihn sofort mit ins Trainingslager. „Da kannst du dir einiges abschauen“, hatte er gesagt. Sens beobachtete jede Bewegung der anderen.

Und jetzt ist er schon ziemlich weit. Bei den Finals (Beginn des Renntages um 10 Uhr) startet er heute im Doppel-Zweier mit Christian Schreiber (Halle). „Im Moment ist Robert bei der WM für den Doppelvierer vorgesehen“, sagt Öhm. Aber viel hängt von der deutschen Meisterschaft ab. Platz zwei würde ihm den Platz im Doppelvierer sichern. Vielleicht reicht’s bei der WM im September aber auch bloß zum Doppel-Zweier. Aber das, sagt Sens, „ist mir dann auch egal“.

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