Sport : Vom Trainer zur Witzfigur Avram Grants Tage beim FC Chelsea sind gezählt

Raphael Honigstein[Liverpool]

Alles hat seinen Preis, daran hat man sich im Mutterland des Fußballs gewöhnt. Seit der vergangenen Woche weiß man auch, was die Wahrheit kostet: exakt 80 000 Pfund. Chelsea-Verteidiger Tal Ben-Haim musste diese Summe als Strafe berappen, weil er die von der nahezu kompletten Belegschaft gehegten Zweifel an der Kompetenz von Trainer Avram Grant öffentlich thematisiert hatte. „Wenn ich gewusst hätte, dass er hier Trainer wird, hätte ich woanders unterschrieben“, sagte der 26-Jährige, der unter Grant schon in der israelischen Nationalmannschaft gespielt hat. „Ich wusste: Das kann nichts werden.“

Diese Einschätzung hat sich mittlerweile auch bei Eigentümer Roman Abramowitsch durchgesetzt. Chelsea geht zwar am Dienstagabend mit einem einsatzbereiten Michael Ballack und als leichter Favorit in das Champions-League-Halbfinale beim FC Liverpool, am kommenden Sonnabend kann man im Duell mit Tabellenführer Manchester United sogar die Meisterschaft wieder spannend machen. Doch Grants Abschied ist bereits beschlossene Sache. Der 52-Jährige wird im Sommer entweder in die Chefetage abgeschoben, um dort als Sportdirektor wieder eine ruhige Kugel zu schieben, oder zurück in die Fußballprovinz geschickt. Aufsichtsratsmitglied Bruce Buck wollte gegenüber Fan-Vertretern nicht garantieren, dass der noch bis 2011 vertraglich gebundene Trainer in der nächsten Saison im Amt sein wird. „Das ist eine Ja-oder-Nein-Frage, aber ich kann Ihnen keine Ja-oder-Nein-Antwort darauf geben.“

Zu groß ist der Unmut im Kader über Grants Trainingspraktiken und passive Amtsführung; auf seinen vollmundig versprochenen „attraktiven Fußball“ wartet man an der Stamford Bridge weiter vergeblich. Unverzeihlich ist aus Sicht von Abramowitsch außerdem die mittlerweile nur noch bemitleidenswerte Außendarstellung seines Trainers. Nach dem 1:0-Erfolg beim FC Everton am vergangenen Donnerstag verweigerte sich Grant mit einsilbigen, sinnlosen Antworten komplett den Fragen der Reporter; ganz ohne Worte redete er sich so um Kopf und Kragen.

Abramowitsch und die Fans der Blauen können mit dem Hass des ganzen Landes leben – nicht aber mit Spott. Selbst der sonst nicht gerade als Witzbold bekannte Liverpool-Trainer Rafael Benitez machte sich einen Spaß daraus, Grants staubtrockene Auftritte mit den höchst unterhaltsamen Darbietungen von Vorgänger Jose Mourinho zu vergleichen. „Die Pressekonferenzen sind jetzt anders, aber der Fußball von Chelsea ist derselbe geblieben“, sagte der Spanier.

Zweimal trafen die Reds in den vergangenen drei Spielzeiten im Halbfinale der Champions League auf die Westlondoner, zweimal setzte sich Benefiz in torarmen Abnutzungsschlachten durch. Anders als in der Champions League hat Liverpool in der Liga große Probleme. Benefiz erklärt diese Diskrepanz damit, dass sich die von Grobheit und Tempo geprägten Premier-League-Matches schwerer „kontrollieren“ lassen. Der Spanier setzt ganz auf einen der letzten unverblassten Mythen auf der Insel: die furchteinflößende Europapokalatmosphäre im Stadion von Anfield. 40 000 Fans werden sich am Dienstag die rote Seele aus dem Leib schreien.

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