Sport : Von 0 auf 99 - Nach zwei Operationen nimmt Barbara Rittner einen neuen Anlauf

Dietmar Wenck

Die Nummer zwei im deutschen Damentennis ist nicht gefragt. "Will jemand Barbara Rittner sprechen?", kommt die Stimme aus den Boxen im Pressecenter. Keine Reaktion. Die Leverkusenerin quält sich indessen auf dem Centrecourt mit Chanda Rubin aus den USA ab, der sie kaum Paroli bieten kann. Nach gut einer Stunde ist die Sache beendet, 6:1, 6:4 für Rubin. "Der erste Satz war eine Katastrophe, im zweiten ging es", sagt die Verliererin. Für einen neuen Anfang war es gar nicht schlecht. Und einen solchen Neubeginn hat Barbara Rittner gerade gestartet.

Zu ihrer eigenen Überraschung hat sie Anfang April wieder im Fedcupteam gestanden. Jahrelang war die Nationalmannschaft für sie eine geschlossene Gesellschaft, weil sie Streit hatte mit dem Bundestrainer Markus Schur. Sie hatte ihn sogar öffentlich kritisiert. Beim Turnier in Key Biscayne machte sie, wie von Schur verlangt, den ersten Schritt. "Wir haben uns ausgesprochen und die Sache abgehakt", sagt der Bundestrainer. Von den alten Geschichten will er nichts mehr hören. Beim Fedcup in Bari spielte Rittner Doppel an der Seite von Anke Huber und freute sich: "Ich hätte nicht so schnell damit gerechnet." Gegen Kroatien und Italien gewannen sie, gegen Spanien verloren sie. Die deutsche Mannschaft blieb erstklassig - auch ein Verdienst von Barbara Rittner.

Um den sportlichen Erfolg ging es ihr wohl nicht so sehr. "Ich möchte noch drei bis vier Jahre spielen", sagt die im April 27 Jahre alt gewordene Rittner, die bisweilen als stur galt, "und in dieser Zeit möchte ich meine Ruhe und Spaß haben." Spaß ist wichtiger geworden nach dem Verletzungsmarathon der vergangenen 15 Monate. Eine blöde Geschichte: Umgeknickt war sie, hatte sich ein Band gerissen und den Knöchel angebrochen. Zweimal musste sie deshalb operiert werden, das zweite Mal Anfang Februar. Seitdem hatte sie kein Einzel bestritten. Gestern konnte sie wenigstens schmerzfrei spielen. Nun ist ihr Ziel, "viele Matches zu machen, mich wieder reinzuspielen".

Aber nur, wenn die Schmerzen nicht wieder auftreten. "Wenn jetzt noch irgendeine schwere Verletzung kommt, höre ich auf", sagt sie, "ich will nicht mehr über die Schmerzgrenze gehen. Eine Zeitlang konnte ich nur mit Tabletten spielen." Längst vergessen die Zeiten, als Barbara Rittner, die Junioren-Wimbledonsiegerin von 1991, als vermeintliche Top-Ten-Aspirantin die Schulterklopfer hinter sich hatte. Bis auf Rang 24 der Welt war sie bereits geklettert. Doch als es abwärts ging, "standen die Schulterklopfer nicht mal mehr zu fünf Prozent hinter mir". Wobei sie sich manchmal mit einem falschen Wort zur falschen Zeit auch selbst im Wege war. Dazu kam die Trennung ihrer Eltern nach 26 Jahren Ehe, "das hat mir einen Riesenknacks gegeben".

Außerdem hat die jugendliche Barbara Rittner gar nicht realisiert, was das bedeutet, unter den besten 30 der Welt zu stehen. "Es war für mich nichts Besonderes." Nun ist sie Nummer 99 und will wieder unter die Top 50 kommen. Dass sie es sich nach wie vor zutraut, hat einen einfachen Grund, trotz vergangener Streitigkeiten und der Verletzungen: "Ich bin mit dem Herzen dabei."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben