Von Bayern zu Bayer : Jupp Heynckes und die Lust an der Liga

Nach seinem Intermezzo bei Bayern München wird Jupp Heynckes jetzt Trainer bei Bayer Leverkusen. "Ich hätte in der Bundesliga keine andere Mannschaft übernommen", sagte Heynckes.

Gregor Derichs[Leverkusen]
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Neues Duo. Heynckes und Bayers Sportdirektor Rudi Völler.Foto: dpa

Die vergangenen Tage haben Jupp Heynckes an seinem Berufsstand zweifeln lassen. „Ich habe überhaupt kein Verständnis dafür, dass die Vereine Klauseln in die Verträge einbauen, dass Trainer alle sechs oder zwölf Monate kündigen können. Ich als Praktiker kann das überhaupt nicht gutheißen. Es muss doch eine Identifikation mit dem Verein geben“, sagte der 64-Jährige zu den Turbulenzen an der Jobbörse Bundesliga. Pure Zufriedenheit ausstrahlend und in bester Laune, saß Heynckes gestern Mittag zwischen Rudi Völler und Wolfgang Holzhäuser, den beiden entscheidenden Personen bei Bayer Leverkusen. Er habe noch nie einen Vertrag gebrochen. Jetzt aber hat Heynckes selbst vom grassierenden Job-Hopping der jüngeren Kollegen profitiert, in diesem Fall vom Wechsel Bruno Labbadias von Bayer Leverkusen zum Hamburger SV. Heynckes ist neuer Trainer in Leverkusen. Er erhält einen Vertrag bis zum 30. Juni 2011.

Erst vor einer Woche war Heynckes offiziell in München verabschiedet worden, wo er am 27. April Jürgen Klinsmann abgelöst hatte, den prominentesten Vertreter einer neuen, angeblich innovativen Trainergeneration. Sechs Wochen später wird der Fußballlehrer im reifen Alter Nachfolger von Labbadia, der wie Klinsmann ein Trainer-Neuling in der Bundesliga ist.

Erst am Donnerstag hatte Bayers Sportdirektor Völler Kontakt zu Heynckes aufgenommen. Am Freitag fuhr er zusammen mit Geschäftsführer Holzhäuser zu Heynckes in dessen 75 Kilometer entfernten Wohnort Schwalmtal. Fünf Stunden saßen sie zusammen, dann waren sie sich einig. Der Gesellschafterausschuss der Bayer 04 Fußball GmbH nickte die Personalie ab. Zugleich akzeptierte er, dass Labbadia ein Jahr vor dem Ablauf seines Vertrags die Freigabe für den Hamburger SV erhielt. Leverkusen erhält eine Ablöse von einer Million Euro für Labbadia, die sich bei Erfolgen des HSV in den nächsten drei Jahren auf 1,3 Millionen Euro erhöhen kann.

Heynckes war selbst überrascht vom Anruf der Leverkusener, auch wenn er bei seinem Kurzzeit-Engagement die Freude an seinem Beruf wiederentdeckt habe. „Es war großartig, mit der Mannschaft zu arbeiten und das Bundesliga- Fluidum wieder einzuatmen“, sagte Heynckes. Mit Offerten hatte er gerechnet, nachdem er den Auftrag bei den Bayern erfüllt und sich doch noch ungeschlagen für die Champions League qualifiziert hatte. Angebote aus dem In- und Ausland wollte der Coach in aller Ruhe sondieren. „Man hat in München gesehen, dass meine Mission hervorragend funktioniert hat.“

Natürlich habe er seine Frau gefragt, ob er die „große Herausforderung“ annehmen sollte, berichtete Heynckes. „Aber sie überlässt mir die Entscheidung.“ Damit war die Einigung mit Bayer quasi geklärt. Der einer Idee Völlers entsprungene Überraschungscoup deckte eine lange verborgene Zuneigung auf. „Ich habe die Entscheidung nicht nur nach Fakten getroffen, sondern auch nach einem guten Bauchgefühl. Ich kann sagen, dass ich in der Bundesliga keine andere Mannschaft übernommen hätte“, sagte Heynckes. Bayer sei ein seriös geführter Verein, die Mannschaft sehr talentiert und entwicklungsfähig. Das Team habe sein riesiges Potenzial noch nicht ausgereizt. Damit die Mannschaft das schafft, will Heynckes den Druck von den Spielern nehmen, die Profis müssten sich wohlfühlen.

Damit zog Heynckes eine Trennlinie zu Labbadia, der die Leverkusener Spieler mit großer Strenge geführt hatte. Doch aller Kritik aus der Mannschaft zum Trotz wollten Holzhäuser und Völler ihn halten, auch nach den schweren Irritationen, die Labbadia mit einem Interview am Tag des Pokalfinales ausgelöst hatte. Labbadia aber wollte unbedingt nach Hamburg und schuf damit Platz für Heynckes. „Wir wollten wieder einen Trainer, der fachliche und sachliche Arbeit leistet und natürliche Autorität ausstrahlt“, sagte Holzhäuser. Den haben sie jetzt mit Jupp Heynckes.

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