Sport : Von Cruyffs Gnaden

Hollands neuer Bondscoach Marco van Basten hat keine Trainererfahrung – aber den richtigen Fürsprecher

Stefan Hermanns

Berlin - Die Geschichte von Ajax Amsterdam ist reich an großen Momenten, die meisten haben sich auf dem Rasen abgespielt, einer aber hat sich vor knapp 24 Jahren am Spielfeldrand zugetragen. Es war der 30. November 1980, Ajax spielte gegen Twente Enschede, und irgendwann wurde es Johan Cruyff auf der Tribüne zu bunt. Er ging die Stufen hinunter, ließ sich das Tor zum Innenraum öffnen, setzte sich neben Leo Beenhakker auf die Trainerbank und erklärte dem Ajax-Coach mit großen Gesten, was seiner Ansicht nach alles falsch lief. 1:3 lag Ajax zu diesem Zeitpunkt zurück, am Ende gewannen die Amsterdamer 5:3.

„Eigentlich hätte ich ihm vor laufenden Kameras einen linken Haken verpassen müssen“, hat Beenhakker später einmal gesagt; doch als Cruyff sich neben ihn auf die Bank setzte, war er viel zu überrascht, um überhaupt zu reagieren. „Nur wenige Menschen im europäischen Fußball sind so einflussreich wie Johan Cruyff“, hat die Tageszeitung „NRC Handelsblad“ geschrieben. Doch nur selten hat die holländische Fußballlegende seinen Einfluss so augenscheinlich geltend gemacht wie im November 1980. Viel lieber wirkt er im Hintergrund, so wie jetzt bei der Suche nach dem neuen Bondscoach für die holländische Nationalmannschaft.

Wie in Deutschland wird auch in Holland die wichtigste Fußballmannschaft künftig von einem Berufsanfänger trainiert. Doch anders als bei Jürgen Klinsmann hat es in den Niederlanden kaum Kritik an der Berufung von Marco van Basten gegeben. Der 39 Jahre alte frühere Nationalstürmer ist ein Bondscoach von Cruyffs Gnaden. Van Basten war sein Wunschkandidat für die Nachfolge des ungeliebten Dick Advocaat.

Die Unterstützung durch Cruyff ist in Holland viel wichtiger als die fehlende Berufserfahrung. Wie Jürgen Klinsmann hat sich auch van Basten nach dem Ende seiner Karriere für mehrere Jahre aus dem Fußballgeschäft zurückgezogen. Zuletzt war er Assistenztrainer der zweiten Mannschaft von Ajax Amsterdam – an der Seite von John van ’t Schip, der nun bei der Nationalelf van Bastens Assistent wird. Zumindest auf dem Papier. „Unsere Zusammenarbeit ändert sich nicht“, sagt van Basten, der einer der besten Stürmer aller Zeiten war: 1988 wurde er mit Holland Europameister, je dreimal war er Europas Fußballer und Weltfußballer des Jahres. Dass van Basten nun die Nationalmannschaft trainiert, nährt in den Niederlanden die Hoffnung auf eine Rückkehr zum inspirierenden Offensivfußball. Vor allem bei Johan Cruyff, dem Lordsiegelbewahrer des schönen Spiels.

Obwohl Cruyff schon seit Jahren kein offizielles Amt mehr bekleidet hat, nimmt er aus dem Hintergrund regen Einfluss auf den Gang der Dinge. Durch die Suche nach dem neuen Bondscoach hat er sein Einflussgebiet jetzt auch auf den niederländischen Fußballverband ausgeweitet. Dessen Chef Henk Kessler flog vor der Entscheidung in der Trainerfrage zu Cruyff nach Barcelona, um dessen Meinung zu erkunden. Tags darauf stiegen van Basten und van ’t Schip ins Flugzeug, um Cruyffs Zustimmung einzuholen. „Er hat durchscheinen lassen, dass er Vertrauen in uns hat“, sagte van Basten nach dem Treffen.

Was Beckenbauer und Netzer in Deutschland zusammen sind, ist Cruyff in den Niederlanden alleine: Denn anders als Beckenbauer hierzulande wird Cruyff auch vom kritischen Publikum ernst genommen und geschätzt. Gegen ihn geht im holländischen Fußball gar nichts. Cruyffs Medienmacht ist gewaltig. Der Vizeweltmeister von 1974 arbeitet als Experte für den Fernsehsender NOS. Im „Telegraaf“, der auflagenstärksten Zeitung des Landes, erscheint unter seinem Namen eine Kolumne, und den Rest erledigen seine Freunde. Johan Derksen, Chefredakteur der größten Fußball-Zeitschrift „Voetbal International“, hat jedenfalls kein Problem damit, sich als Teil der „PR-Kommission von Cruyff“ zu bezeichnen.

Drei Mannschaften liegen Cruyff aus persönlicher Verbundenheit am Herzen: Ajax Amsterdam, der FC Barcelona und die holländische Nationalmannschaft. Alle drei werden künftig von Cruyff-Adepten trainiert: Ajax von Ronald Koeman, Barcelona von Frank Rijkaard und die Nationalelf von Marco van Basten. Es sieht so aus, als könnte Johan Cruyff im Moment ziemlich zufrieden sein mit sich und der Welt.

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