Sport : Von der DDR lernen, heißt siegen lernen

Äthiopiens Läufer sind auch deshalb so erfolgreich, weil sie Erkenntnisse ihres früheren Partners nutzen

Jörg Wenig[Helsinki]

Fünf von sechs möglichen Medaillen gewannen die Läufer aus Äthiopien in den 10000-Meter-Finals bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften von Helsinki. Während die Äthiopier Tirunesh Dibaba und Kenenisa Bekele einmal mehr souverän zu einer Goldmedaille liefen, blieb den erfolgsverwöhnten Kenianern lediglich Bronze für Moses Mosop. Seit den Weltmeisterschaften 1993 in Stuttgart, als die Ära des damals 20-jährigen Haile Gebrselassie mit seinem 10000-Meter-Sieg begann, haben die Äthiopier nur in einem 10000-Meter-Finale der Männer bei einer WM oder bei Olympischen Spielen nicht gewonnen.

An der enormen Entwicklung der äthiopischen Langstreckler hat Gebrselassie einen großen Anteil. Doch schon 1980 gewann Miruts Yifter bei den Olympischen Spielen über 5000 und 10000 Meter. Er war der erste Äthiopier, der über die Bahn-Langstrecken triumphierte.

In den Jahren vor Yifters Erfolgen hatten die Äthiopier jene Erkenntnisse gesammelt, die für die heutigen Ergebnisse noch immer bedeutend sind. Und dabei spielten deutsche Läufer und Trainer eine wichtige Rolle. „Ja, man kann sagen, dass deutsches Trainingswissen einen Anteil am Erfolg der Äthiopier hat“, sagt Jos Hermens. Der niederländische Manager von Gebrselassie und Bekele ist seit vielen Jahren eng mit den Äthiopiern verbunden.

Für die Läufer der DDR gab es vor 30 Jahren nicht viele Möglichkeiten für ein Höhentrainingslager. Äthiopien hatte aufgrund seiner sozialistischen Politik und der landschaftlichen Gegebenheiten Priorität. Kontakte liefen zunächst nur über die DDR-Armee, und so waren es lange Zeit auch nur die Athleten des Armee-Sport-Klubs Potsdam, die nach Äthiopien fliegen durften. Mittelstreckenläufer wie Olaf Beyer und Jürgen Straub oder später der Geher Ronald Weigel und die Marathonläuferin Uta Pippig reisten vor ihren Saisonhöhepunkten nach Addis Abeba. Wenn die deutschen Athleten im Stadion von Addis Abeba trainierten, standen äthiopische Trainer mit Stoppuhren an der Seite und notierten jedes Resultat.

Später entwickelte sich ein Austausch. Äthiopische Trainer und Athleten reisten nach Potsdam ins Trainingslager und starteten bei Wettkämpfen in der DDR. Hinzu kam, dass viele afrikanische Trainer an der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig studierten. „Darunter war auch einer der heutigen äthiopischen Cheftrainer im Laufbereich, Woldemeskel Kostre“, sagt Hermens. Noch heute arbeiten die Äthiopier mit einem zentralistischen System, ähnlich dem der DDR. Die Athleten werden vor den Saison-Höhepunkten in der Regel in Addis Abeba zusammengezogen. Starts bei den lukrativen Meetings in Europa werden eingeschränkt. Wer sich nicht an diese Regeln hält, wird nicht nominiert für Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele.

In den vergangenen Jahren sind es auch internationale Manager wie Hermens, von denen Äthiopien profitiert. „Ich habe die Äthiopier dahingehend unterstützt, dass sie ihre Athleten konzentriert vorbereiten. Eine Zentralisierung hilft, aber es ginge auch mit individueller Vorbereitung“, sagt Hermens, der glaubt, dass die Äthiopier noch mehr Potenzial haben. Es gibt kein Sichtungssystem wie in der DDR, aber die Zahl der Wettkämpfe an Schulen nimmt zu. So werden Talente im Landesinneren entdeckt und gefördert. „Man muss auch sehen, dass sich das Land öffnet. Es gibt mehr Strom und damit mehr Kommunikation.“, sagt Hermens. „Es müssten noch viel mehr Äthiopier erfolgreich sein. Kenia hat 30 Millionen Einwohner, Äthiopien 70 Millionen.“

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