Sport : Von der Kinderstaffel in die Weltspitze

Wie Marathon in Japan zur Massenbewegung wurde

Friedhard Teuffel[Osaka]

Die schnellsten Marathon-Touristinnen kommen oft aus Japan, sie reisen um die Welt und bringen dann eine goldene Olympiamedaille mit wie Naoko Takahashi 2000 aus Sydney oder Mizuko Noguchi 2004 aus Athen. Manchmal ist es auch ein Weltrekord, so wie ihn Takahashi beim Berlin-Marathon 2001 aufgestellt hat und dabei als erste Frau schneller als zwei Stunden und zwanzig Minuten gelaufen ist, genau 2:19:46 Stunden. 55 Millionen Japaner haben damals am Fernseher zugeschaut. Jetzt, bei den Weltmeisterschaften in Osaka, können die Japaner der Welt zeigen, wie sehr sie sich für Marathon begeistern. Beim Männer-Marathon standen 200 000 Menschen an der Strecke, obwohl er um sieben Uhr morgens gestartet wurde, und an diesem Sonntagmorgen werden bestimmt noch mehr da sein, denn der Frauen-Marathon ist für die Japaner der Höhepunkt dieser WM.

Es ist auch in Japan zum Trend geworden, vor der Arbeit noch eine Runde um den Block zu laufen oder sich an einem Lauftreff zu verabreden. „Es sind ungefähr sechs Millionen, die in Japan regelmäßig laufen, davon dreißig Prozent Frauen“, schätzt Hiroaki Chosa, Präsident der internationalen Straßenlaufvereinigung AIMS und Vorsitzender des Managementkomitees der WM. Chosa, ein etwas mürrisch wirkender Mann mit lichtem grauen Haar, kann viel über den Straßenlauf in Japan berichten. 77 Jahre ist er alt, noch nicht alt genug, um zwei wichtige Ereignisse selbst erlebt zu haben.

Straßenlaufen ist in Japan keine Graswurzelbewegung, sie hat sich von oben nach unten entwickelt, und das hat mit zwei Ereignissen vor gut 80 Jahren zu tun. 1936, bei den Olympischen Spielen in Berlin, gewann der Koreaner Sohn Kee-chung den Marathon. Die Japaner beanspruchen diesen Sieg jedoch für sich, sie nennen den Athleten Kitei Son, und diese Episode erzählt noch mehr über die schwierigen Beziehungen zwischen Japan und Korea als über den Sport. Japan hatte Korea damals besetzt, Sohn Kee-chung war gezwungen, einen japanischen Namen anzunehmen. Später betreute er selbst südkoreanische Athleten, bis hin zu Hwang Young-Cho, der 1992 den olympischen Marathon in Barcelona gewann. Bei der Eröffnung der Sommerspiele in Seoul 1988 durfte Sohn Kee-chung die olympische Fackel ins Stadion tragen. 2002 verstarb er. Aber er verhalf dem Marathon auch in Japan zu großer Aufmerksamkeit.

Das andere entscheidende Ereignis war die erste Straßenlaufstaffel. Vor gut 80 Jahren wurde diese Staffel, japanisch Ekiden, von Tokio in die für ihre Thermalquellen berühmte Stadt Hakone und zurück gelaufen. So ist es bis heute. Die Hakone-Ekiden ist der Höhepunkt einer ganzen Ekiden-Woche. „Die Kinder sehen das im Fernsehen und wollen später auch mitlaufen, so wie deutsche Kinder Fußballprofi werden wollen“, sagt Chosa. Beim letzten Mal standen zwei Millionen Menschen an der Strecke, sechs Stunden übertrug das Fernsehen live.

Die Ekiden tragen die japanische Laufbewegung, es gibt Schülerstaffeln, Hochschulstaffeln, Firmenstaffeln. Die besten Läufer werden von einer Firma angestellt und bei guter sportlicher Leistung von der Arbeit freigestellt. Gefördert werden sie meist von den Sportartikelfirmen Asics und Mizuno, die ihnen Schuhe nach Maß anfertigen lassen. Die Leistungsdichte im japanischen Marathon wird wohl nur von der Kenias übertroffen.

Große Marathons veranstalten in Japan vor allem Medienunternehmen. „Die Medien müssen die Leute überzeugen, dass Laufen gut ist“, sagt Chosa. Es stimme nicht, dass die Japaner allein deshalb laufen, weil diese Sportart am besten zu ihrer Mentalität passe, diszipliniert und fleißig zu sein und einfach nicht aufzugeben. „Das war vielleicht früher einmal so. Aber die junge Generation hat diese Werte nicht mehr“, sagt Chosa. Es gibt jedoch viele Zeichen dafür, dass die Laufbewegung noch lange nicht den Höhepunkt erreicht hat. So findet in Tokio nun auch ein großer City-Marathon für alle statt, nicht mehr nur für Leistungssportler. Für 2008 gibt es schon 150 000 Bewerbungen, das sind mehr als in New York oder London. Und vielleicht kommt am Sonntag ein Siegeszeichen einer japanischen Marathonläuferin hinzu.

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