Sport : Von der Krise profitieren

Vor Herthas Uefa-Cup-Spiel in Bukarest bemüht sich Arne Friedrich, seiner Verantwortung als Kapitän gerecht zu werden

Ingo Schmidt-Tychsen[Bukarest]

So viel Trubel hat die Mannschaft von Hertha BSC außerhalb von Berlin schon lange nicht mehr ausgelöst. Als der Fußball-Bundesligist gestern Mittag in Bukarest eintraf, waren sechs rumänische Kamerateams, etwa zehn Fotografen und noch einmal so viele Reporter angerückt, um die Spieler zu empfangen. Eigentlich waren sie nur wegen Marcelinho gekommen. Der brasilianische Star lächelte anfangs noch, doch je länger er umringt und bedrängt wurde, desto lästiger wurde es ihm. Gut zehn Minuten brauchte der 30-Jährige, um den etwa 20 Meter langen Weg vom Flughafen-Ausgang zum Mannschaftsbus zu bewältigen.

Das Interesse der Rumänen an dem Uefa-Cup-Rückspiel zwischen Rapid Bukarest und Hertha BSC ist ungewohnt groß, das Stadion Valentin Stanescu wird mit 18 500 Zuschauern wohl ausverkauft sein. Schließlich hat Rapid das Hinspiel vor einer Woche in Berlin 1:0 gewonnen. „Einen derart heftigen Andrang habe ich zuletzt bei meiner ersten Ankunft in Berlin vor mehr als vier Jahren erlebt“, sagte Marcelinho. Sein junger Teamkollege Ashkan Dejagah jedenfalls schien froh darüber, keine lästigen Fragen beantworten zu müssen, weil sich alles auf Marcelinho konzentrierte. „Diese kleine Krise, in der sich der Klub momentan befindet, ist für uns junge Spieler nicht einfach“, sagte der 19-Jährige. „Ich habe ja noch nie etwas Vergleichbares erlebt.“ Hertha konnte von den letzten zehn Pflichtspielen keines gewinnen. Für Dejagah ist es gerade jetzt besonders wichtig, dass die erfahrenen Spieler häufig mit ihm sprechen. „Arne Friedrich macht das gerade sehr viel“, sagte Dejagah. Tatsächlich fällt auf, wie sich der Mannschaftskapitän derzeit um seine jungen Mitspieler kümmert: Als der 22 Jahre alte Sofian Chahed, der 18-jährige Solomon Okoronkwo gemeinsam mit Friedrich nach der Niederlage gegen Bukarest in der vergangenen Woche die Kabine verließen, wollten ein paar Journalisten Chahed Fragen stellen. Mit einem Lächeln stellte sich Friedrich dazwischen und gab die Antworten stellvertretend für seinen Kollegen.

Vor der vergangenen Saison ist der Nationalspieler zu Herthas Kapitän befördert. Seine Ernennung war ein Argument, um Friedrich in Berlin zu halten. Dass der ruhige und zurückhaltende Profi aber tatsächlich in der Lage ist, eine Mannschaft zu führen, daran haben viele gezweifelt. „In der vorigen Saison waren Gespräche, wie ich sie jetzt führe, gar nicht nötig. Da lief alles von alleine“, sagt Friedrich. In dieser Spielzeit ist das anders.

„Natürlich kann Arne Friedrich sich in einer solchen Situation profilieren“, sagt Manager Dieter Hoeneß. Friedrich könnte gestärkt aus der sportlichen Krise hervorgehen. Auf dem Feld hat er zuletzt jedoch genauso wenig überzeugt wie ein Großteil seiner Teamkollegen. Im Hinspiel gegen Bukarest unterliefen Friedrich in der Anfangsphase zwei Fehler, die beinahe zu Gegentoren geführt hätten, und beim Bundesligaspiel gegen Wolfsburg wurde er mit einer Roten Karte vom Platz gestellt. Immerhin verhinderte er durch seinen unfairen Einsatz eine gute Möglichkeit für Diego Klimowicz.

Friedrich ist nicht Herthas einziger Spieler, der von der angespannten Situation profitieren könnte. „Es können sich jetzt andere Spieler zeigen“, sagt Trainer Falko Götz. Gegen Bukarest werden Spieler zum Einsatz kommen, die sonst kaum Gelegenheiten haben, sich zu profilieren. Götz muss acht Spieler ersetzen. Kevin- Prince Boateng, Alexander Madlung und Yildiray Bastürk sind gesperrt, Oliver Schröder, Niko Kovac, Pal Dardai, Josip Simunic und Andreas Neuendorf sind verletzt, und Marko Pantelic ist im Uefa-Cup nicht spielberechtigt.

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