Sport : Von der Theke an die Spitze

Lee Westwood war ein dicker Trinker, jetzt ist er die Nummer eins im Golf

Petra Himmel
Haudraufundschlus. Lee Westwood ist inzwischen trainiert und meidet Alkohol. Foto: dpa
Haudraufundschlus. Lee Westwood ist inzwischen trainiert und meidet Alkohol. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Berlin - Am Sonntagnachmittag ging Lee Westwood zum Supermarkt in Worksop in England. Er kaufte Gummihandschuhe, Kartoffelpüree – und Champagner, den er zu Hause öffnete, um den bisherigen Höhepunkt seiner Karriere zu feiern: Am Montag übernahm er Rang eins der Weltrangliste. Martin Kaymer, der ihm den Platz mit einem zweiten Rang bei den Andalucia Valderrama Masters hätte streitig machen können, war dort nur auf Rang 21 gelandet. Westwood, wegen einer Muskelverletzung in Spanien nicht am Start, hatte die Runde des Deutschen am Sonntag vor seinem Computer verfolgt.

„Jeder hat den Traum, einmal sagen zu können, dass im Moment niemand in der Welt besser ist“, sagte der 37-Jährige am Sonntag während einer Telefonkonferenz. „Im Moment kann ich allen Leuten diese Weltrangliste zeigen und sagen: Ich bin der Beste auf diesem Planeten.“ Er könnte hinzufügen, dass er auch ein erstaunliches Comeback geschafft hat.

Im Jahr 2003 wurde Lee Westwood auf Rang 266 der Weltrangliste geführt. Er war dick und untrainiert, lustlos, bekannt als geselliger Biertrinker und wurde auf der Driving Range eher selten gesehen. Eines der größten Talente Europas drohte im Wohlstand zu versinken. Inzwischen hat sich das Bild gewandelt. Vor dem Ryder Cup in Wales etwa trank Westwood wochenlang keinen Alkohol, er ist fit, trainiert viel, arbeitet sehr zielgerichtet. „Während der letzten paar Jahre hat sich Lee zu einer deutlich anderen Person entwickelt“, stellt sein Manager Andrew Chandler fest. „Er versteht, welche Verpflichtungen er gegenüber seiner Familie, seinen Sponsoren und allen anderen Dingen hat. Sein Leben ist ausbalanciert.“

Anders als jenes von Tiger Woods. Der Montag markierte nicht nur den Aufstieg von Lee Westwood, sondern dokumentierte vor allem die private Krise des Amerikaners. Nach 281 Wochen an der Spitze der Weltrangliste wurde Woods abgelöst. Er wurde dabei nicht von Lee Westwood, der in dieser Saison nur ein Turnier gewann und lange verletzt war, vom Thron gestoßen. Der Amerikaner hat sich selbst demontiert.

Schon in der nächsten Woche könnte Westwood jedoch wieder von der Spitze verschwunden sein. Ihn, Kaymer, Woods und Phil Mickelson trennen insgesamt nur 0,46 Punkte. Jeder der vier könnte deshalb nach dem Turnier in Schanghai am Sonntag der neue Führende sein. Auch Tiger Woods. „Er wird zurückkommen und wieder Turniere gewinnen“, meint Greg Norman, der die Weltrangliste einst 331 Wochen angeführt hatte. „Aber er wird nicht mehr so dominant sein wie früher.“ Dass sein Spiel dabei ist, sich zu erholen, zeigte Woods im Einzel beim Ryder Cup, als er den Italiener Francesco Molinari mit sieben Birdies und einem Eagle auf 15 Löchern demontierte. Gut möglich, dass der gestrige Montag nur eine Übergangsphase in der Karriere von Woods und nicht dessen Ende markiert.

Lee Westwood möchte dennoch ungern das Los von Tom Lehman teilen, der als einziger der bisherigen Topspieler seit Einführung der Rangliste 1986 nur eine Woche die Nummer eins der Welt war. Noch mehr beruhigen dürfte ihn allerdings eine andere Statistik: Wie Westwood übernahmen auch Fred Couples, Ian Woosnam und David Duval die Spitze der Weltrangliste, ohne ein Major gewonnen zu haben. Ein Manko, das jeder der drei dann relativ schnell beseitigen konnte. Den Titel des „besten Golfers ohne Major-Sieg“ würde Lee Westwood nämlich gerne möglichst schnell loswerden.

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