Sport : Von drauß’ vom Walde

Der fast märchenhafte Aufstieg des Biathlons

Helen Ruwald

Inzwischen wird es Weltmeisterin Uschi Disl manchmal zu viel, wenn ihre Fans sie nicht nur anschauen, sondern auch anfassen wollen. Als sie 1989 in Ruhpolding ihr erstes Weltcuprennen bestritt, staunte sie über die vielen Zuschauer beim Männerrennen – doch als die Frauen an den Start gingen, „war das Gelände leer“, erinnert sich Disl. Inzwischen werden die Frauen nicht mehr belächelt, sondern bejubelt und zählen bei den Olympischen Spielen in Turin zu den Medaillenfavoriten. Kenntnisreich, mit Details, Statistiken, Fotos, aber auch Anekdoten zeichnet der Sportjournalist Patrick Reichelt in „Biathlon. Eine Erfolgsgeschichte“ in vielen kleinen Häppchen ein gelungenes Gesamtbild der Entwicklung von der Rand- zur Boomsportart, bei der Millimeter am Schießstand über Triumph oder Tragödie entscheiden. Die Schwierigkeiten nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Siegermächte die deutschen Sportler nicht mit der Waffe im Einsatz sehen wollten, werden ebenso thematisiert wie die Dopingproblematik. Die Informationen über Disziplinen und Ausrüstung sind lesenswert statt langweilig, ebenso wie die Porträts über Stars und Exoten. Wer weiß schon, dass das Biathlon-Ehepaar Slettemark, seit einigen Jahren im Weltcup am Start, in seiner Heimat Grönland schon mal zum Training auf Rentierjagd geht, weil es keine wettkampftauglichen Schießstände gibt, und Rentierfleisch dann gleich auf den Speiseplan setzt?

— Patrick Reichelt: Biathlon. Eine Erfolgsgeschichte. Verlag Die Werkstatt. 190 Seiten. 22,90 Euro.

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