Sport : Von Feinden zu Gegnern

Serbien-Montenegro und Bosnien bleiben friedlich

Markus Bickel[Sarajevo]

Wirklichen Grund zum Eingreifen hatten die Polizisten nur einmal: Als eine knappe Stunde vor Spielbeginn serbische Fans das Herunterreißen eines provozierenden Transparents verhindern wollten, gingen rund zwei Dutzend Beamte mit Schlagstöcken gegen die Aufmüpfigen im Gästeblock vor. Nach fünf Minuten war der Tumult beendet, so dass sich während des Spiels der Schlagabtausch zwischen den rund 300 Anhängern des Teams aus Serbien-Montenegro und 30.000 Bosnien-Fans im Kosevo-Stadion in Sarajevo auf verbale Auseinandersetzungen beschränkte. Das 0:0 bei der fußballerisch unspektakulären Begegnung in der WM-Qualifikationsgruppe 7 war ohnehin nicht dazu angetan, die Emotionen sonderlich anzuheizen.

Das war auch ein Verdienst der im und rund um das Stadion mit über 800 Mann präsenten Polizeieinheiten, die von etwa 500 Sicherheitsleuten unterstützt wurden. Schließlich war im Vorfeld der Begegnung zwischen den einstigen jugoslawischen Schwesterrepubliken mit schlimmen Ausschreitungen gerechnet worden – nicht zuletzt nach den Erfahrungen bei der als „Freundschaftsspiel“ deklarierten Partie am selben Ort vor zwei Jahren. Damals wurden knapp 30 Personen verletzt, darunter 19 Polizisten. Erst beim Auftaktspiel gegen Spanien im mittelbosnischen Zenica Anfang September hatten bosnische Fans Spieler der gegnerischen Mannschaft mit Feuerzeugen beworfen – der Grund für die von der Fifa erzwungene Verlegung des Spiels in die bosnische Hauptstadt.

„Wir werden sämtliche nationalistischen Fahnen, Symbole und Bilder, die nichts mit Fußball zu tun haben, vor dem Eingang des Stadions beschlagnahmen”, hatte Polizeisprecher Magbul Skoro vor Spielbeginn dem Tagesspiegel erklärt. Eine Maßnahme, die sich nur beschränkt durchsetzen ließ: So zeigten die fast ausschließlich nicht aus Serbien-Montenegro selbst, sondern aus dem serbischen Teil Bosniens angereisten Anhänger des Gästeteams – seit dem Friedensschluss von Dayton Ende 1995 ist das Land geteilt in die muslimisch-kroatische Föderation und die serbisch dominierte Republika Srpska – Fahnen mit dem Logo der royalistischen Tschetniks während des Zweiten Weltkriegs. In der Heimkurve hing ein Plakat mit der Aufschrift: „Wir haben 250 000 Gründe, euch zu hassen.“

Dass es beim ersten Wettbewerbsspiel der beiden Teams seit dem kriegerischen Zerfall Jugoslawiens vor über einem Jahrzehnt um mehr gehen würde als nur um Fußball, war nicht zu verhindern. So verlief früher die Frontlinie nur wenige hundert Meter hinter dem Stadion, in dem 1984 die Olympischen Winterspiele eröffnet wurden. Mehr als tausend Tage lang war Sarajevo von den bosnisch-serbischen Truppen des vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagten Radovan Karadzic eingekesselt – und das Kosevo-Stadion lag direkt im Visier der rings um die Stadt stationierten Artillerie-Einheiten. Zwölftausend Bewohner kamen während der Belagerung zwischen 1992 und 1995 ums Leben, auf über 200 000 wird die Zahl der Toten und Vermissten geschätzt.

Nicht allen Besuchern fiel es daher so leicht wie Velid Imamovic, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. „Während des Krieges waren wir Feinde, heute stehen wir uns als sportliche Gegner gegenüber“, sagte der Leiter der Internationalen Abteilung des bosnischen Fußballverbands. Und auch wenn direkt neben dem 30000-Zuschauer-Areal Hunderte von Grabsteinen den früheren Trainingsplatz zieren, ist Imamovic sich sicher, dass das Kosevo-Stadion „immer das Symbol der friedlichen Spiele bleiben“ wird.

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