Sport : Von halb vier bis halb sechs nicht zurechnungsfähig

Oliver Trust

Es gibt Spiele, da bleiben Verwirrung und Diskussionen. Muss einer voll geschäftsfähig sein, wenn er in der Bundesliga spielt, oder reicht es, wenn er sich nach zwei Stunden wieder beruhigt? Braucht der DFB eine Blauhelm-Schutztruppe, wie sie die Vereinten Nationen einsetzen, wenn sich die Völker dieser Erde die Köpfe einzuschlagen drohen? Und muss ernsthaft über die Kultur des Miteinanders im Fußball gesprochen werden? Nach diesem 0:0 des FC Bayern München in Kaiserslautern flammte die Debatte um die Sicherheit im Fußball wieder auf. Diesmal ging es nicht um Zuschauer-Hooligans, sondern um Profis auf dem Rasen, den Trainerbänken und Managerstühlen.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Es fällt nicht schwer, Manfred Amerell, den Sprecher der Schiedsrichter, zu verstehen, wenn er sagt, "dass manche zwischen halb vier und halb sechs nicht zurechnungsfähig und resistent gegen jedes vernünftige Wort" sind. Vielleicht haben sie beim Verband in Frankfurt gewusst, was auf sie zukommt und deshalb einen Aufpasser für den 36 Jahre alten Torsten Koop in die Pfalz geschickt, der sein 60. Bundesligaspiel pfiff. "Es war ein Risiko, dass man ihn geschickt hat, aber er hat alles richtig gemacht", sagte Amerell. Während dieser 90 turbulenten Minuten, als Koop den Pfälzern Grammozis und Ratinho und dem Bayern Linke für ihre Fouls nur Gelb gezeigt hatte und den Treffer von Jörgen Pettersson wegen Handspiels nicht anerkannte, kochten die Emotionen über. Ein paar seien "Amok gelaufen", berichteten die Nachrichtenagenturen. Premiere-Reporter Marcel Reif will sogar "das hässlichste Spiel" in seiner Laufbahn gesehen haben. Münchens Manager Hoeneß forderte eine Aussprache auf der nächsten Managertagung, "weil sonst Spiele im Chaos enden, wenn das Publikum gegen Gegner und Schiedsrichter aufgewiegelt wird".

Amerell fand das vernünftig. "Wir haben ja keine Fußballspiele mehr, wo Fußball gespielt wird, da wird nur noch gehalten, gezogen und gegen den Schiedsrichter lamentiert." Vernunft sei bei allen Managern vorhanden, sagte Amerell mit einer Spur Misstrauen, "wenn nicht gerade ihre Mannschaft kickt. Wenn die eigenen Leute kicken, ist alles erlaubt, und wenn du die dann um halb sechs wieder vor dir stehen hast, ist alles wieder normal." So könne es nicht weitergehen, "weil sie sich sonst die Knochen kaputtschlagen".

Es waren wilde Szenen, die sich im Fritz-Walter-Stadion abspielten. Uli Hoeneß stampfte wild brüllend nur Zentimeter vor Andreas Brehme herum, der von seinem Sitz aus lautstark konterte. "Hier werden die Zuschauer so provoziert, dass sie sich verhalten wie wilde Tiere", schimpfte Hoeneß. Brehme rannte im Akkord zur Seitenlinie, Mario Basler wich in strittigen Szenen kaum von Koop und forderte Bestrafungen. Die giftige Atmosphäre führte bei Oliver Kahn zur Erkenntnis, "dass hier Neid und Hass in ihrer Reinkultur" zu sehen seien.

"Ach was, das Spiel war gar nicht so hart", sagte Basler. Bayerns Trainer Hitzfeld leide unter Realitätsverlust, Hoeneß solle "nach seinen eigenen Spielern schauen und sehen, wie krank die sind, wenn sie dauernd fallen". Torwart Georg Koch teilte mit, er habe "das ewige Gejammer aus München" satt. Klubchef Friedrich sagte, die Zuschauer müssten ein Recht auf Lebendigkeit haben. Fußball sei ein Kampfsport und "wir stehen nicht Spalier für einen Bayern-Sieg". Er zählte die harten Fouls der Bayern der vergangenen Wochen auf, "Effenberg gegen Balakow, kein Mensch hat etwas gesagt".

Es gab wenig Herzliches in den Gesprächen. Nur Bixente Lizarazu ist eine, wenn auch etwas bizarre Lösung eingefallen: "Wenn die gegen Leverkusen auch so überhart spielen, dann ist es in Ordnung."

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