Sport : Von Hand zu Hand

Die Olympische Flamme geht um die Welt – erstmals seit 1972 kehrt sie heute nach Deutschland zurück

Benedikt Voigt

Berlin – Rrrringgg, der Nächste. Dieter Krickow hebt den Telefonhörer ab, hört sich das Anliegen an und erklärt: „Sie müssen sich ab 17 Uhr an einem Sammelpunkt in Schöneberg einfinden.“ Dann fügt der Leiter des Deutschen Olympischen Institutes am kleinen Wannsee hinzu: „Nein, die genaue Zeit kann ich noch nicht sagen.“ Krickow legt den Hörer auf, wendet sich seinem Computer zu und versucht die Datei zu verschicken, in der die Läuferliste verzeichnet ist und ....rrrinnggg. Noch einer. „Nein, ich kann ihnen die Zeit noch nicht sagen.“

Zwei Daten aber kennt Krickow bereits seit langem: Heute wird die Olympische Flamme auf ihrem Weg zu den Olympischen Spielen in Athen (13. bis 29. August) in München eintreffen. Morgen wird sie von 132 Läufern durch Berlin getragen. Erstmals seit den Olympischen Spielen von München 1972 kehrt sie wieder auf deutschen Boden zurück. Zahlreiche prominente Läufer werden die Fackel tragen. In München wird Günther Zahn mit der Flamme als Erster laufen, der Leichtathlet hatte 1972 das Olympische Feuer entzündet. In Berlin wird der ehemalige Kunstturn-Weltmeister Eberhard Gienger mit dem Fallschirm im Olympiastadion einschweben. Die Ankunft der Flamme in Berlin ist deshalb etwas Besonderes, weil bei den Olympischen Spielen 1936 in dieser Stadt der olympische Fackellauf zum ersten Mal stattgefunden hatte.

Die Nationalsozialisten haben ihn eingeführt, inzwischen aber hat er eine lange Tradition. In diesem Jahr reist die Flamme erstmals durch alle Kontinente. Auch führt der Lauf erstmals durch alle Städte, in denen bisher Sommerspiele der Neuzeit stattgefunden haben. Ursprüngliche sollte der Lauf wie die Olympischen Spiele die Antike mit der Moderne verbinden. „Die zweite Idee ist das Völkerverbindende“, sagt der Sporthistoriker Andreas Höfer, „dieses Feuer ist durch die Hände der ganzen Welt gegangen.“ Doch längst ist noch ein dritter Aspekt hinzugekommen. „Der Fackellauf hat inzwischen einen kommerziellen Touch bekommen, das ist heute eben so“, sagt Höfer.

Die Kommerzialisierung der Fackellaufs begann nicht erst mit den Spielen in Athen. „Das Phänomen haben wir spätestens seit 1984, als die Amerikaner auf die glorreiche Idee kamen, den Fackellauf zu verkaufen“, erklärt Andreas Höfer. Ein Kilometer habe 3000 Doller gekostet. „Wer laufen wollte, musste zahlen.“

Inzwischen übernehmen zwei Sponsoren einen großen Teil der Kosten. Dafür haben sie das Recht erhalten, mit dem Fackellauf zu werben und für jede Etappe zwei Drittel aller Läufer aussuchen zu dürfen. Die übrigen Läufer wählt in Deutschland das Nationale Olympische Komitee und der Landessportbund aus.

Aus dem Lauf ist längst eine große logistische Leistung geworden. Zwei Boeing 747 werden benötigt, um das Feuer und den Begleittross um die Welt zu tragen. Er erfüllt längst auch den Zweck, Aufmerksamkeit auf die Olympischen Spiele im August zu lenken. „Mit dem Lauf wird auch die Vorfreude auf die Spiele geschürt“, sagt Höfer, „modern gesprochen ist das eine gute Marketing-Maßnahme.“

Sie muss sich bewährt haben. Warum sonst trägt man in diesem Jahr die Flamme über 78 000 Kilometer durch die ganze Welt? Eigentlich beträgt die Strecke von Olympia nach Athen exakt 189 Kilometer.siehe auch Seite 9

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