Sport : Von Held zu Held

Muhammad Ali hat sich lange als schwarzer Moslem verstanden – nach den Anschlägen entdeckte er den Patrioten in sich

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Von Ingo Wolff

Muhammad Ali fällt es nicht mehr leicht, laut und deutlich zu reden. Die Box-Legende, die einst für Leichtigkeit im Ring und unbequeme Worte außerhalb berühmt war, steht heute bei öffentlichen Auftritten tapsig wie ein alter Bär auf der Bühne und spricht stockend vor sich hin. Der von Parkinson gezeichnete Amerikaner zittert bei all seinen Bewegungen und wird zudem schnell müde. Doch diese eine Botschaft nach dem 11. September an Millionen Menschen auf der ganzen Welt ist klar und deutlich zu verstehen: „Der Islam ist eine Religion des Friedens.“ Der größte Boxer aller Zeiten schickt seine eindringlichen Worte am 23. September 2001 bei der Benefizshow „America: A Tribute to the Heroes“ live in 156 Länder der Erde – so gestochen scharf wie einst seine linke und rechte Gerade.

„Ich bin ein Moslem. Ich bin ein Amerikaner. Als amerikanischer Moslem möchte ich meine tiefe Trauer und meinen Kummer zum gewaltigen Verlust an Leben ausdrücken“, sagt der ehemalige Box-Weltmeister und Olympiasieger, der am 28. Februar 1964 zum Islam konvertiert ist. Alis Auftritt ist der rührende Höhepunkt dieses Hollywood-Aufgebots. Gemeinsam mit Schauspieler Will Smith, der das Leben des Jahrhundertsportlers in dem Film „Ali“ nachspielt, steht er auf der Bühne und verurteilt die Terroristen, die ihre Anschläge von New York und Washington im n des Islam begangen haben: „Wenn die Täter wirklich Moslems waren, haben sie die Lehre des Islams vergewaltigt. Wer immer die terroristischen Attacken gegen die USA unterstützt oder dahinter steht, repräsentiert nicht den Islam. Gott steht nicht hinter Mördern."

Ali engagiert sich inzwischen für ein Amerika, dem er sich nie sehr nah gefühlt hat. Ein Amerika, das ihn als schwarzen Menschen verachtet hatte. Ein Amerika, für das er als verachteter Schwarzer nicht in den Vietnamkrieg ziehen wollte und ihm deswegen den WM-Titel aberkannt hatte. Ali, der wie Malcolm X der Nation of Islam – einer radikalen Moslem-Vereinigung – angehörte und selbst den Kampf „Kreuz gegen Halbmond“ geführt hatte, wie es Malcolm X vor Alis WM–Duell gegen Sonny Liston im Februar 1964 gesagt hatte, bittet die Christen heute um Toleranz. Das Land, das ihn als schwarzen Muslimen nicht akzeptiert hatte, hat sich mit dem einst so unbequemen Athleten arrangiert. Allen Amerikanern sind dabei die bewegenden Bilder in Erinnerung, als Ali 1996 mit zittriger Hand die olympische Flamme in Atlanta entzündet hatte.

Vom State Departement der USA ließ er sich für eine Imagekampagne einspannen. In dem 30-Sekunden-Spot, der in islamischen Ländern gezeigt wurde, erklärt Ali: „Ich ärgere mich darüber, dass die Welt diese einzelne Gruppe, die die Zerstörungen zu verantworten hat, mit dem Islam gleichsetzt. Aber das sind keine wirklichen Moslems, sie sind nur rassistische Fanatiker.“ Ali ist zu dem geworden was er nie sein wollte: Ein von weißen Amerikanern tolerierter schwarzer Moslem. Die unnachgiebige politische Figur ist – auch durch seine schwere Krankheit – zur Figur des Weltfriedens geworden. Der Größte ist noch größer geworden. Erst kürzlich fragte ihn ein Journalist: „Was für ein Gefühl ist es, zu wissen, dass die Flugzeugentführer die gleiche Religion hatten wie Sie?" Alis Antwort: „Wie fühlt es sich an, dass Hitler die gleiche hatte wie Sie?"

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