Sport : Von Königen zu Bettlern

Die deutschen alpinen Skiläufer stehen nach dem Desaster bei den Weltmeisterschaften im Schatten der nordischen Wintersportler

Frank Bachner

Berlin. Sie waren die Könige des Wintersports. Jetzt sind die alpinen Skiläufer zu Bettlern geworden. Vorbei der Hochmut gegenüber den nordischen Sportlern. Denn statt bei wilden Abfahrten fiebern die Deutschen inzwischen lieber mit den Skispringern und Langläufern mit. Selbst die einst so wenig telegene Nordische Kombination feiert Quotenerfolge. Wie groß die Kluft geworden ist, zeigt sich in diesen Tagen bei der Alpinen Ski-Weltmeisterschaft. Keine einzige Medaille – für den Deutschen Skiverband (DSV) ein Debakel. Ausgerechnet ein WM-Neuling, die 18-Jährige Maria Riesch aus Garmisch-Partenkirchen, sorgte für die beste Platzierung: Rang fünf in der Kombination. Martina Ertl, Kombinations-Weltmeisterin von 2001, wurde nur Sechste. Und bei den Männern sah es noch düsterer aus: Kein DSV-Athlet kam bei der WM auf einen der ersten zehn Plätze. Dagegen kann der DSV bei der nordischen WM ab kommenden Montag mehrere Medaillen fest einplanen.

Walter Vogel, der Alpindirektor des DSV, gab in einem Interview offen zu: „Wir sind zweitklassig und müssen alles daran setzen, das zu verändern.“ Vogel denkt dabei an die Arbeit mit dem Nachwuchs. Das Problem sei nicht, dass es beim DSV keine Spitzenfahrer gebe. Martina Ertl oder Hilde Gerg können an guten Tagen in Medaillenränge fahren. Aber Ertl hatte eine Formkrise, und Hilde Gerg litt unter den Folgen eines Kreuzbandanrisses. Die Männer verfügen über Florian Eckert, der hatte 2001 Bronze in der Abfahrt erreicht. Nur: Eckert ist verletzt, seit 15 Monaten schon. „Leider ist die Situation so, dass im alpinen Bereich jeder sein kleines Königreich hat. Das gilt auch für Trainer, die ihre Athleten nicht an den Weltcup abgeben wollen“, sagt Thomas Pfüller, der Sportdirektor des DSV. „Naja“, erwidert Harry Reiser, Landestrainer des bayerischen Verbandes, „die Talente werden schon abgegeben, alles andere wäre ja paradox.“ Durch wenig qualifizierte Trainer, glaubt Reiser, „haben wir viele Talente verloren“. Viele Betreuer von 17- und 18-jährigen Talenten konnten arbeiten wie sie gerade wollten, meint Reiser. „Bei keinem wurde von einem Bundestrainer das Trainingsprogramm richtig überwacht.“

Seit zwei, drei Jahren ist das jetzt anders, die Betreuer werden in ein Gesamtkonzept eingebunden, zudem werde das Training abwechslungsreicher gestaltet. „Aber wir brauchen Zeit. Erst in sieben, acht Jahren haben diese Leute Weltcup-Reife“, sagt Reiser. Zu große Erwartungen solle aber auch dann keiner haben: „Wir werden nie so gut wie die Österreicher. Die haben viel mehr Möglichkeiten als wir.“ DSV-Sportdirektor Pfüller hat da andere Vorstellungen. „Im Langlauf und in der Nordischen Kombination haben wir es geschafft, von Null in die Weltspitze zu kommen“, sagte er in St. Moritz. Pfüller kann sicher sein, dass die Deutschen bei den Nordischen Ski-Weltmeisterschaften, die am Montag in Val di Fiemme (Italien) beginnen, erheblich besser abschneiden als die Alpinen. Allein die deutschen Skilangläufer haben bei der WM 2001 und bei den Olympischen Spielen 2002 sechs Medaillen gewonnen.

Warum haben die nordischen Sportler die alpinen in Deutschland überholt? „Weil wir die Arbeit an den Stützpunkten optimiert haben“, sagt Detlef Braun, der für den nordischen Bereich zuständige Sportwart beim DSV. Braun wird die deutsche Mannschaft bei der WM führen. Die jeweiligen Chefbundestrainer sind auch für die Nachwuchsarbeit zuständig, deshalb kontrollieren sie genau die Arbeit der Stützpunkttrainer. Fünf Stützpunkte gibt es, darunter Oberhof und Oberwiesenthal. Dort konnte der DSV auf das System der Sportschulen der DDR zurückgreifen. Das sicherte dem Verband eine große Zahl von Talenten, gerade auch im Skispringen.

Seitdem RTL 75 Millionen Euro Fernsehgelder für fünf Jahre in die Kasse des DSV schüttet, weil der Kölner Sender Skispringen als Quotenhit entdeckt hat, konnte der Verband sein Trainersystem ausbauen. Die Skispringer um Sven Hannawald und Martin Schmitt „sorgen für 95 Prozent aller Einnahmen des DSV“, sagt Pfüller. Trotzdem erhalten die Skispringer nur einen kleinen Teil des DSV-Jahresetats von mehr als 20 Millionen Euro. Den größten Posten bekommen die Alpinen, daran soll sich nach der verpatzten WM nichts ändern. Im alpinen Bereich werde nicht gekürzt, sagt Pfüller. Das bedeute aber nicht, dass die Alpin-Trainer beruhigt weiterarbeiten können. Pfüller kündigt an, dass er den Trainerstab genau überprüfen wird. Und Detlef Braun ist sich sicher, dass er mit Pfüller in Val di Fiemme „mehr über St. Moritz diskutieren wird als über die Skispringer oder die Langläufer“.

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