• Von Viren verschont - das Pech der Mitspieler ist beim Volleyball-Bundesligisten das Glück des Jan Günther

Sport : Von Viren verschont - das Pech der Mitspieler ist beim Volleyball-Bundesligisten das Glück des Jan Günther

Helen Ruwald

Ganz schön gemein, wer den SC Charlottenburg derzeit so alles piesackt. Nicht so sehr die Gegner, denen bislang in vier Spielen kein Punkt und gerade ein Satz gelang. Aber sämtliche Viren, Muskeln und engen Schuhe haben sich gegen den Tabellenführer der Volleyball-Bundesliga der Männer verschworen. Die Berliner plagen sich mit Husten, Schnupfen, Fieber, Angina, einem lädierten Zeh und Rückenschmerzen herum, eine Lungenentzündung ist gerade auskuriert. Beim Training ist teilweise nur die Hälfte des Teams anwesend.

Seltsamerweise stürzen sich die Angreifer aber nur auf Auserwählte und lassen andere links liegen. Jan Günther zum Beispiel, den 22-jährigen Aussenangreifer. "Ich fühl mich ganz gut", grinst er. Kein Wunder, schließlich hat ihn die Verletzungsmisere ganz plötzlich in die Stammformation katapultiert. Eine Stunde vor Spielbeginn, auf dem Weg in die Umkleidekabine der Wuppertaler Sporthalle, sprach Trainer Brian Watson am vergangenen Sonntag die magischen Worte: "Du spielst". Bis dahin hatte der Blondschopf zwei Minuten hier, zwanzig Minuten da auf dem Feld gestanden - wenn die Partie längst gelaufen war.

Auf einmal die Bewährungsprobe vor tausend Zuschauern beim Vizemeister Wuppertal. Zunächst war Günther noch nervös, im dramatischen zweiten Satz (36:34) war die Aufregung wie weggeblasen, er sah nur noch den Ball, blockte und schmetterte, "da hat man so einen Tunnelblick und kriegt nichts mehr mit". Der SCC siegte 3:1, Jan Günther spielte so fantastisch, dass Manager Kaweh Niroomand schwärmte, "heute haben wir einen Spieler dazugewonnen." Einen, den man jederzeit in der ersten Sechs einsetzen kann. Die nächste Chance bekommt der Nachwuchsmann wahrscheinlich schon am Sonntag (15 Uhr, Sporthalle Sömmeringstraße) gegen den spielstarken Aufsteiger ASV Dachau.

Der SCC, Stützpunkt der deutschen Nationalmannschaft, setzt seit der letzten Saison nur auf einheimische Spieler, wenn möglich auf Eigengewächse. Zu den jungen Wilden zählen die erst 18-jährigen Sven Glinker und Björn Andrae und eben Günther, der von Lokomotive Elsterwerda über Post Telekom vor zwei Jahren zum SCC kam. Volleyball hat in seinem Leben derzeit absolute Priorität, seinen Studienplan (Sportwissenschaften) baut er um den Trainingsplan herum und schleppt Psychologiewälzer mit ins Trainingslager. Günther wohnt mit einem Leichtathleten in einer WG, die beiden bekochen sich gegenseitig und planen gemeinsame Beachvolleyball-Auftritte. Für Günther, der mit Deutschland im Sommer die Studentenweltmeisterschaft gewann, ist der SCC das Volleyball-Schlaraffenland: "Man hat alles, was man sich erträumen kann. Wenn man ein Problem hat, kann man immer anrufen." Wer Liebeskummer hat, darf sich bei Watson ausweinen.

Dass er bislang fast nur zu Kurzeinsätzen kam, störte den Jungspund kaum, angesichts der vielen Nationalspieler könne man auch im Training viel lernen. Noch ist Günther auf fiese Grippeviren angewiesen, die seine Kollegen befallen. Damit soll spätestens in der kommenden Saison Schluss sein, da will sich der 22-Jährige einen Stammplatz erkämpft haben. "Dann kann Herr Moculescu mich mal ansprechen und einladen", grinst Jan Günther selbstbewußt. Moculescu ist der Bundestrainer.

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