Sport : Von wegen Schaulaufen

Erik Eggers

Also doch kein Schaulaufen. Als exakt das hatten Spieler und Trainer von Bayer Leverkusen noch das Duell mit dem FC Liverpool vor dem Hinspiel an der Anfield Road bezeichnet. Jetzt, da die finalen 90 Minuten bevorstehen, brennt laut Trainer Klaus Toppmöller doch das notwendige Feuer des Ehrgeizes in seinen Spielern, und er behauptet, sie hätten "nur ein bisschen auf Understatement gemacht".

So unvermittelt es ist, das nun zur Schau gestellte Selbstbewusstsein werden sie benötigen. Schließlich ist der aktuelle Uefa-Cup-Sieger auswärts seit 15 Europacup-Spielen ungeschlagen. Den Leverkusener Offensivoperationen werden die Lauf- und Grätschroboter der "Reds" mit übermenschlichem Kampfgeist begegnen, außerdem mit jener kühl kalkulierten Defensivrhetorik, für die der FC Barcelona und seine Fans letztes Jahr nur blanke Verachtung übrig hatten, als ihnen ein trauriges 0:0 aus dem "Nou Camp" gestohlen wurde. Nur dann, wenn es für das eigene Team völlig ungefährlich erscheint, wird das Team von Gerard Houillier mit mehr Leuten als nur mit den konterstarken Stürmern Emile Heskey und Michael Owen die Leverkusener Hälfte bevölkern.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Die starke Betonung der Mannschaft auf das Physische findet Toppmöller eines "Männersports würdig", sein in Liverpool gesperrter Kapitän Jens Nowotny hingegen zeigte sich "wirklich enttäuscht von dieser Spielweise". Und fügt hinzu: "Wenn wir hier so Fußball spielen, dann würden uns die Fans doch nach zehn Minuten auspfeifen." Der von den Liverpooler Fans so verehrte Manager Houillier reagiert darauf mit großer Gelassenheit. "Ich ziehe diese Kritik einem Ausscheiden in der zweiten Runde vor", sagt der Franzose und ist überzeugt davon, dass seine Mannschaft eine höhere Qualität als im Hinspiel an den Tag legen wird.

Ein "Wunder" wäre das laut Toppmöller, würde sein Team, dem zu Saisonbeginn in der Bundesliga nur ein Platz unter den ersten sechs zugetraut wurde, tatsächlich das Halbfinale der europäischen Champions League erreichen. Mit welcher Formation er dieses Mirakel plant, das wollte Toppmöller nicht verraten. Aber wenigstens die Mittel. Um den kopfballstarken Abwehrstrategen im zentralen Liverpooler Deckungsverband, Hyypiä und Henchoz, zu entgehen, fordert der Trainer ein "sauberes, schnelles Kurzpass-Spiel". Und flach gezogene Bälle von den Außenbahnen. Bevor es dazu kommt, müssen sich seine Flankenspezialisten Ze Roberto und Schneider allerdings, was im Hinspiel im Rahmen des Unmöglichen schien, erst einmal durchsetzen gegen die beinharten Außenverteidiger Carragher und Riise.

"Vielleicht haben wir auch ein wenig Glück mit einer Standardsituation", sagt Toppmöller. Für ihn besitzt das heutige Spiel sogar den Stellenwert eines Länderspiels, "normalerweise müsste jeder mit Trikot hinter dem Fernseher sitzen". Ein Indiz dafür, wie wichtig auch der englische Gast diese Partie nimmt, erkennt Toppmöller auch in der Verlegung des letzten Liverpooler Heimspiels gegen die Blackburn Rovers. "So etwas geht in England", stellt Toppmöller fest, "in Deutschland wäre es nicht möglich."

In Deutschland wäre es auch unmöglich, dass eine ganze Nation und eine Stadt auf ein brutales Pferderennen brennt, und zwar so sehr, dass sogar der Besuch in einem Fußballstadion dafür zurückstehen würde. So ein Tag war der letzte Sonntag in England, als das "Grand National" in Aintree anstand, einem Vorort von Liverpool. Dass die "Reds" ein Ligaspiel verlegen wegen eines Europacupspiels in Leverkusen - so weit ist es dann doch noch nicht gekommen.

In Deutschland hat man ohnehin Schwierigkeiten, die Begeisterung für die Liverpooler zu verstehen. Siehe die Einschätzung Jens Nowotnys. Doch dass dieser Fußball letztlich erfolgreich ist, kann auch Nowotny nicht leugnen.

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