Sport : Von Wende zu Wende

Erst liegt Hertha BSC in Leverkusen 0:2 zurück, führt dann 3:2 und spielt am Ende 3:3

Stefan Hermanns[Leverkusen]

Zehn Minuten vor Schluss eilte Alexander Madlung zur Mittellinie. Herthas Verteidiger kennt das: Wenn das Spiel zu Ende geht, wird er eingewechselt, meistens deshalb, weil seine Mannschaft zurückliegt. Madlung ist als kopfballstark bekannt, und erst vor einer Woche hatte er kurz nach seiner Einwechslung das 1:1 für Hertha BSC gegen Kaiserslautern geköpft. Gestern in Leverkusen wurde er endlich einmal eingewechselt, um seiner eigentlichen Profession nachzugehen, dem Verteidigen. Hertha führte 3:2, und Madlung war gerade auf dem Feld, als er sich im Strafraum Bernd Schneider gegenübersah. Der Nationalspieler täuschte einen Schuss an, Madlung ließ sich täuschen und rutschte ins Toraus. Schneider flankte in die Mitte, dort traf Andrej Woronin zum 3:3-Endstand.

So schnell geht es manchmal im Fußball. „Vorige Woche haben wir ihn alle hochgejubelt“, sagte Herthas Trainer Falko Götz über Madlung. Diesmal hatte er den Ausgleich entscheidend begünstigt. Das Spiel zwischen Leverkusen und Hertha BSC erlebte innerhalb von eineinhalb Stunden sogar mehrere Wendungen. Nach einer Viertelstunde sahen die Berliner wie der sichere Verlierer aus, nach 90 Minuten schrie Niko Kovac beim Gang in die Kabine: „Es ist zum Kotzen! Wir haben schon wieder zwei Punkte gelassen.“

Dabei war der Beginn des Spiels für die Berliner eine unheimliche Reihung von Unzulänglichkeiten gewesen. Schon nach zehn Minuten hatte sich Herthas Zeugwart Tom Riedel für Korrekturmaßnahmen bereit gemacht. Er stand an der Seitenlinie, ein Paar Fußballschuhe in der Hand. Doch Riedel kam nicht dazu, mit Josip Simunic den Schuhwechsel zu vollziehen. Herthas Verteidiger war in der fünften Minute auf dem nassen Rasen ausgerutscht und hatte Robson Ponte dadurch den Abschluss zum 1:0 leicht gemacht. Noch bevor der Zeugwart bei Simunic eingreifen konnte, musste er schon wieder anderweitig tätig werden und Verteidiger Dick van Burik die Mannschaftskabine aufschließen. Der Holländer hatte Woronin umgeschubst, Schiedsrichter Fleischer entschied auf Elfmeter und zeigte van Burik für die Notbremse die Rote Karte. Als Bayers Torhüter Jörg Butt zum 2:0 traf, schien das Spiel entschieden.

„So kann man hier in Leverkusen nicht spielen“, klagte Götz. Taten die Berliner anschließend auch nicht mehr. Malik Fathi rückte in die Innenverteidigung, Gilberto auf dessen Position an der linken Außenbahn, und fortan trat Hertha, mit einem Mann weniger, so kompakt und aggressiv auf, wie Götz das von Beginn an erwartet hatte. Ganz anders die Leverkusener: „Von dem Moment an haben wir nichts mehr getan“, sagte Trainer Klaus Augenthaler, respektive „alles falsch gemacht“, wie Carsten Ramelow fand.

Den Berlinern kam entgegen, dass Marcelinho schon in der 24. Minute nach einer schönen Kurzpasskombination der Anschlusstreffer gelang. Fünf Minuten später fiel der Ausgleich, wieder durch Marcelinho, und „wir hätten das eine oder andere Tor mehr machen müssen“, sagte Götz. Er meinte vor allem die Szene nur zwei Minuten nach dem 2:2, als Marcelinho den Ball in den Fünfmeterraum passte, Artur Wichniarek frei zum Schuss kam – und nur Torhüter Butt traf.

In der zweiten Halbzeit drängte Bayer zwar, Hertha aber hatte gute Kontermöglichkeiten. Eine nutzte Andreas Neuendorf zum 3:2. Anschließend schaute er auf die Stadionuhr, in der Hoffnung, dass die Begegnung bald zu Ende sein möge. Es war noch fast eine halbe Stunde zu spielen. Leverkusen verstärkte den Druck, kam von der 55. Minute an zu zehn Eckbällen, im Großen und Ganzen aber waren die Bemühungen wenig durchdacht. „Hertha hat in der Mitte kompakt gestanden“, sagte Augenthaler. „Wir haben genau da rein gespielt und die Bälle verloren.“

Hertha stemmte sich mit großem Engagement gegen den Ausgleich. „Heute sind wir alle einen halben Marathon gelaufen“, sagte Neuendorf. Manager Dieter Hoeneß fand die Anstrengung der Mannschaft „einfach bewundernswert“. Deshalb überwog bei ihm auch „mehr die Freude“ über das Unentschieden als der Ärger über zwei verlorene Punkte. Damit aber schien er ziemlich alleine zu stehen.

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