Sport : Voodoo am Millerntor

Was der Regionalligist St. Pauli besser macht als der Bundesligist Hertha BSC

Norbert Thomma[Hamburg]

So muss es in der Hölle zugehen: lärmig, lustig, orgiastisch. Dazu haut es Regen vom Himmel, gepeitscht von heftigem Südwind, die Erde weicht auf, und braun-weiße Männer wälzen sich im Schlamm. Sie umarmen sich, sie küssen sich, sie rutschen auf dem Bauch über den nassen Rasen. An diesem Mittwochabend am Hamburger Millerntor ereignen sich biblische Wunder gleich mehrfach, und nun können sogar die Lahmen wieder gehen: Ein verletzter St.-Pauli- Spieler humpelt in Zivil mit zwei Krücken herum, zwei andere Invaliden hüpfen nun wie hinkende Kängurus.

Es ist vollbracht. Der Regionalligist hat den Bundesligisten aus Berlin bezwungen. Irgendjemand in diesem merkwürdigen Verein muss das geahnt haben. Denn nun, Minuten nach dem Schlusspfiff, hat sich die Mannschaft frisch bedruckte Trikots übergezogen: „Wir sind Pokal.“

Was ist da passiert? Eigentlich geht das nicht. Eigentlich gewinnen selbst gelangweilte Profis auswärts so ein Pokalspiel, wenn sie einmal 2:0 führen, eigene Gesetze hin oder her. Eigentlich fangen dann die heimischen Zuschauer an zu murren.

Die Fans von St. Pauli aber singen mit zunehmend wunden Stimmbändern nach der Melodie von Michael Holms „Mendocino“: „An jeder Tür, klopfen wir an, und fragen: Fährst du mit zum Pokalfinale.“ Sie werfen rotes und grünes Konfetti in die Luft und Lamettastreifen aus Papier. Sie haben schon vor dem Spiel „You’ll never walk alone“ intoniert und weiße und braune Tafeln hochgehalten – Ganzstadionchoreographie ist ein sperriger Name für dieses erstmals vollzogene Spektakel.

Es wirkt. Es ist Voodoo, die Kraft von 17 000 tobenden Leibern und Kehlen überträgt sich auf den Rasen, sie kriecht 120 Minuten lang in die matten Körper in Braun-Weiß. Eben noch hat der Verteidiger Florian Lechner auf dem Boden gekauert und sich die krampfenden Waden massiert, fünf Sekunden später haut er den Ball zum Ausgleich ins Netz. Michel Dinzey quält sich sichtbar bei jedem Schritt mit einer Zerrung, ein Tor macht er trotzdem. Der Fan in Block 2, Reihe 1, Platz 17 pult mit klammen Fingern Salbeibonbons aus der Tüte. Er krächzt: „Zwei Tüten pro Spiel, aber die Stimme geht weg.“ Egal. Die da unten geben alles, die da oben helfen mit Chorälen und Sprechgesängen.

Und Herthas Profis? In Agonie. Als würden sie von der fiebernden Energie der Zuschauer niedergedrückt.

Es ist eine gute halbe Stunde nach dem Abpfiff vergangen, noch immer verharren St. Paulis Fans auf den Rängen, um die Momente des Glücks auszukosten, da klettert der verschmutzte Spieler Ralph Gunesch auf den Zaun, schnappt sich ein Megafon und ruft: „Es geht nur mit eurer Hilfe! Ich möchte mich bei euch für ein tolles Jahr bedanken.“

Am Millerntor bist du nicht Deutschland, sondern wir sind Pokal. Von heute an werden die neuen Hemden verkauft.

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