Vor dem Bayern-Spiel : Hertha BSC: Zeit zum Ärgern

Das Heimspiel gegen den FC Bayern ist für gewöhnlich eines der Saisonhighlights für jeden Fußball-Bundesligisten, da macht auch Hertha BSC keine Ausnahme. Irgendwie doof nur, dass der Rekordmeister gerade in der Phase des größten Durchhängens der Berliner im Olympiastadion vorbeischaut.

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Nur Siegen ist schöner. Herthas Torhüter Robert Kraft legte sich im Hinspiel einen Ball selbst ins Tor.
Nur Siegen ist schöner. Herthas Torhüter Robert Kraft legte sich im Hinspiel einen Ball selbst ins Tor.Foto: Imago

Uli Hoeneß wird nicht da sein, heute Abend, wenn der FC Bayern im Olympiastadion aller Wahrscheinlichkeit nach zum 24. Mal Deutscher Meister werden wird. Nach seiner Verurteilung zu einer Haftstrafe hat der einstige Bayern-Präsident kein Spiel seiner Mannschaft mehr live verfolgt. Auf die Ergebnisse hat sich das aber bisher nicht negativ ausgewirkt. Warum also ausgerechnet jetzt? Ein Sieg bei Hertha BSC wäre der sichere Titelgewinn für die Münchner. Selbst bei einer Niederlage, es wäre die erste in der Liga seit Oktober 2012, würde es noch reichen, sollte zur selben Zeit das Revierderby zwischen Dortmund und Schalke 04 unentschieden enden.

Nun, in Berlin haben sie derweil andere Sorgen. Nach vier sieglosen Spielen in Serie und noch keinem gewonnenen Heimspiel in diesem Jahr durchlebt Hertha derzeit eine Schwächephase. „Wir müssen sehen, wie weit wir in der Lage sind, Widerstand zu leisten“, sagt Jos Luhukay. Herthas Trainer ist kein Fantast. Losgelöst vom momentanen Durchhänger seines Teams sieht er den wahrscheinlichen Ausgang eines solchen Duells realistisch: „Wenn der FC Bayern kommt, hat man zehn Prozent Chancen, zu gewinnen.“ An guten Tagen sind es vielleicht noch ein paar Prozentpunkte mehr. Aber die Berliner sind derzeit reichlich weit weg von guten Tagen.

Gleichwohl will sich bei Hertha niemand schon vor dem Anpfiff geschlagen geben. Gerade das Spiel gegen diesen scheinbar unbezwingbaren Gegner könnte bei seinen Spielern etwas auslösen, hofft Luhukay. Zumal es immer noch darum geht, die erste Mannschaft zu sein, die in dieser Spielzeit den Bayern-Code knackt. Vergangenes Wochenende war der FSV Mainz nach allgemeinem Dafürhalten ziemlich nah dran. Bis acht Minuten vor dem Ende hielten die taktisch einfallsreichen Mainzer ein 0:0, ehe die Bayern zweimal eiskalt zuschlugen. Und selbst die Berliner haben ja in der Hinserie vorgemacht, wie es gehen könnte. Bei der viel beachteten 2:3-Niederlage in München überzeugten sie mit einer guten Spielorganisation und gelungenen Tempogegenstößen. Bis heute ist Hertha die einzige Mannschaft der Liga, die zwei Tore gegen die Bayern erzielen konnte.

Allerdings, so lässt sich rückblickend sagen, befanden sich die Berliner damals im Zenit ihrer Schaffenskraft. Nach den ersten neun Spieltagen hatten sie 15 Punkte gesammelt und waren Tabellenvierter. Nun aber kommt das Rückspiel für sie zu einer Unzeit. Die Mannschaft steckt in einer Krise. Nach neun Spieltagen der Rückrunde hat es Hertha gerade mal auf acht Punkte und acht Tore gebracht. Das bedeutet Platz 14 in der Rückrundentabelle.

Zu der allgemeinen Verletztensituation muss nun auch noch Sebastian Langkamp eine Gelbsperre absitzen. Darüber hinaus wollte sich Luhukay darüber Gedanken machen, bei welchem seiner Spieler „es für Bayern München reicht“. Gestern strich er Änis Ben-Hatira und Sami Allagui aus dem Kader; Fabian Lustenberger, Tolga Cigerci und Alexander Baumjohann fehlen weiterhin.

„Wir sind nicht in der gleichen Situation wie in der Hinrunde“, sagt Luhukay. Die zurückliegenden Spiele gegen Hannover und in Mönchengladbach hat Hertha jeweils 0:3 verloren. Das nagt am Selbstvertrauen. „Es liegt immer an der Mannschaft, an jedem einzelnen Spieler, sich das Selbstvertrauen wiederzuholen“, sagt Luhukay fast ein wenig trotzig. Irgendwie wolle man am Dienstagabend eine Leistung abrufen, „die vergleichbar ist mit der in München“.

Allein es fehlt der Glaube. Zu weit weg sind in diesem Jahr die Leistungen der Berliner von denen der Hinrunde, als sie bundesweit mit ihrem mutigen und engagierten Fußball viel Eindruck hinterließen. Mit der Rückrunde verhält es sich genau umgekehrt. Das hat zum einen mit den Ausfällen von Leistungsträgern zu tun, aber auch sonst ist den Berlinern einiges abhandengekommen. Vor allem zwei Dinge gilt es wieder in den Griff zu bekommen: die defensive Stabilität und das schnelle Umschaltspiel.

Andernfalls stünde dem – saisonübergreifend – 52. Ligaspiel in Folge ohne Niederlage für die Bayern nichts mehr im Weg. Und weil im Moment sehr viel dafür spricht, dass es für sie in Berlin etwas zu feiern gibt, sind die Münchner mit ihrem kompletten Kader angereist. Die Begründung von Pep Guardiloa ist einleuchtend: „In dem Moment, in dem wir die Meisterschaft gewinnen, müssen wir auch feiern.“ Den passenden Rahmen böte Berlin. Nachdem im Olympiastadion eine Extrarunde Sitze eingebaut und eine mobile Zusatztribüne errichtet worden sind, werden 76 197 Zuschauer dabei sein. Nur einer eben nicht, aber der hat jetzt vermutlich ganz andere Sorgen.

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