Vor dem Davis Cup in Berlin : Florian Mayer: „Die Deutschen sind zu verwöhnt“

Florian Mayer über den Bedeutungsverlust des Davis Cups, die Absagen und seine Rolle als Nummer eins.

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Florian Mayer: Die Deutschen sind zu verwöhnt. Foto: dpa
Florian Mayer: Die Deutschen sind zu verwöhnt.Foto: dpa

Herr Mayer, nach den Absagen von Philipp Kohlschreiber, Alexander und Mischa Zverev sowie Dustin Brown sind Sie nun die Nummer eins im Davis-Cup-Team, und das mit fast 33 Jahren. Überrascht?

Nein, ich habe es schon ein bisschen befürchtet, dass der Philipp nach seiner Fußverletzung nicht rechtzeitig fit wird. Und bei Alex Zverev habe ich ja auch mitbekommen, dass er eventuell nicht spielen wird. Da war mir schon klar, dass ich hier auch die Nummer eins sein könnte. Jetzt spiele ich wahrscheinlich Einzel und werde versuchen, die Punkte zu holen.

Vor den Turnieren in Halle und Stuttgart waren Sie enttäuscht, weil Sie nach Ihrer Verletzungspause keine Wildcards erhielten. Nun müssen Sie das deutsche Tennisteam in Berlin gegen Polen vorm Abstieg bewahren. Fühlen Sie sich als Notnagel?

Ich muss gar nichts, das ist meine Entscheidung – als Notnagel fühle ich mich auf keinen Fall. Aber klar, das mit den Wildcards war für mich unglücklich, da war ich sauer und werde die Turnierveranstalter auch nicht verstehen. Im Sport gerät man eben schnell in Vergessenheit, und da musste ich wohl erst beweisen, dass ich es doch noch kann. Das habe ich mit meinem Turniersieg in Halle hoffentlich getan.

Davis-Cup-Teamchef Michael Kohlmann erhofft sich viel von Ihrer Erfahrung im Abstiegskampf. Acht ihrer neun Davis-Cup- Siege haben Sie in der Relegation erreicht.

Natürlich wird mir die Erfahrung helfen. Wir sind Favorit gegen Polen, jeder erwartet, dass wir gewinnen. Das ist keine leichte Situation, die Gegner haben im Einzel nichts zu verlieren. Aber wir haben ein Heimspiel, auch der Belag ist super für uns. Ich fühle mich wohl in Berlin.

Alexander Zverev fand den Sandbelag nicht so toll und sagte seine Teilnahme deshalb ab. Können Sie ihn verstehen?

Klar, so eine Woche auf Sand mitten in der Hartplatzsaison ist nie leicht für die Spieler, aber das geht ja den Polen genauso. Das muss kein Nachteil sein. Aber über diejenigen, die nicht dabei sind, brauchen wir jetzt nicht sprechen. Diejenigen, die hier sind, sind ein super Team.

Den Eindruck hat man beim Davis-Cup-Team nicht immer, die Diskussion um die Absagenflut ist nicht die erste Kontroverse. Gegen Spanien 2014 wollte in den letzten Einzeln in Frankfurt plötzlich niemand mehr antreten.

Darüber ist viel gesprochen worden und das ist aus heutiger Sicht alles ziemlich unglücklich gelaufen. Bis zum Samstag hat das alles gepasst, wir haben 3:0 geführt, und dann kam diese unglückliche Aktion. Da haben wir uns einiges kaputt gemacht.

Liegt das am fehlenden Teamgeist? Philipp Kohlschreiber sagte mal, das Davis-Cup- Team glänze nicht durch Freundschaft.

Wir kennen uns alle schon lange, wir verstehen uns gut. Aber natürlich sind wir auf der Tour Einzelsportler und nicht so eng befreundet, dass wir abends ständig zusammen essen gehen. Aber das brauchen wir auch nicht. Wenn wir uns treffen, haben wir einen super Teamgeist, wir respektieren uns und haben Spaß miteinander. Das reicht.

Michael Kohlmann hat nach den vielen Absagen gesagt, nun könne man sehen, was manche Spieler wirklich vom Davis Cup halten. Hat der Davis Cup in Deutschland an Bedeutung verloren?

Ich denke, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung schon. Haas, Kiefer, Schüttler, die spielen nicht mehr, in der Zeit war ich ja auch am Anfang noch dabei. Da war schon deutlich mehr Aufmerksamkeit, das waren tolle Davis Cups. Diesen Tennis-Hype gibt es zurzeit nicht mehr in Deutschland.

Die Erfolge von Angelique Kerber zeigen, dass das Interesse grundsätzlich da ist.

Auf jeden Fall. Es ist genial, zwei Grand Slams in einem Jahr zu gewinnen. Mal sehen, ob sich das auch aufs Herren-Tennis überträgt und ob wir auch davon zehren können. Aber der Davis Cup läuft ja nicht mal mehr im Fernsehen, daran sieht man, welchen Stellenwert er derzeit hier in Deutschland hat.

Sind die Deutschen zu verwöhnt?

Ja, das denke ich schon. Wenn Angelique Kerber im Halbfinale verloren hätte, dann hätte es geheißen: Tja, war halt nur ein Halbfinale. Das ist in Deutschland so. Ich stand jahrelang zwischen Platz 20 und 30 in der Weltrangliste, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass das besonders positiv gesehen wurde. Es zählt nur, wenn man wirklich ganz oben ist. Aber man muss einfach akzeptieren, dass die Zeiten von Becker, Stich und Graf vorbei sind und es verdammt schwierig ist, so etwas zu wiederholen.

Aber auch international lassen sich viele Spieler im Davis Cup entschuldigen. Woran liegt das?

Die Begleitumstände könnten besser sein. Es ist schade, dass es keine Weltranglistenpunkte mehr im Davis Cup gibt. Das ist mental und körperlich sehr anstrengend, die Punkte waren eine kleine Belohnung. Da überlegen sich sicher einige Spieler genau, ob sie mitspielen oder nicht.

Muss man das Davis-Cup-Format verbessern, um es attraktiver zu machen?

Definitiv könnte man das verbessern. Man muss darüber nachdenken, ob drei Gewinnsätze noch zeitgemäß sind. Wenigstens wurde jetzt der Tiebreak im fünften Satz eingeführt. Auch die Termine sind nicht ideal. Oft findet der Davis Cup direkt nach den Grand Slams statt. Das ist unglücklich. Dass gerade die Topspieler, die im Turnier davor weit gekommen sind, darüber nicht begeistert sind, ist klar.

Man hört heraus: Auch für Sie ist der Davis Cup bei aller Ehre eine Belastung.

Natürlich ist es eine Belastung. Für mich war und ist es immer eine Ehre, für Deutschland, für mein Land zu spielen. Aber ich werde 33 und war lange verletzt, drei Gewinnsätze sind eine Riesenbelastung für mich. Das wird hart am Wochenende, und klar wäre es mir auch lieber, jetzt im Davis-Cup-Halbfinale zu spielen. Aber es ist leider Relegation, und die ist auch wichtig für das gesamte deutsche Tennis. Wir wollen einfach nicht absteigen, und ich helfe dem Team gern.

Haben sich denn die Spieler, die jetzt nicht dabei sind, schon gemeldet und Ihnen Glück gewünscht?

Philipp Kohlschreiber hat sich gemeldet. Der Rest… es sind ja noch ein paar Tage Zeit. Da wird auch noch eine SMS mit „Viel Glück“ kommen.

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