Sport : Vor dem Fall

In letzter Minute wird der FC Bayern um den Sieg gebracht – dieses Schicksal widerfährt sonst nur anderen

Richard Leipold[Gelsenkirchen]

Wenn es mal wieder etwas länger dauert, sind immer die Bayern der glückliche Gewinner. Oder, wenn sie nicht selbst mitspielen, der lachende Dritte. Zumindest fast immer. In Schalke führten sie bis zur 90. Minute und noch ein wenig länger mit 1:0, dem knappsten aller Ergebnisse. Das Publikum staunte, wie gut die Münchner es verstanden, einen knappen Vorsprung mit mäßigem, ja minimalem Aufwand zu behaupten. Alles schien zu laufen wie immer. Dann traf die Bayern ein sportliches Schicksal, das sonst nur anderen widerfährt. Schalke, bis dahin rat- und chancenlos, bekam von Schiedsrichter Michael Weiner einen zumindest zweifelhaften Elfmeter zugesprochen. Sören Larsen, der vermeintlich Gefoulte, nutzte die Gunst der späten Stunde zum 1:1-Endstand. Das Kräfteverhältnis war konterkariert.

Schicksal und Schiedsrichter meinten es nicht gut mit den Münchner Meisterspielern, die es gewohnt sind, selbst in letzter Minute das Tor zum Glück aufzustoßen. Weg war sie, die Tabellenführung. Dennoch gab Felix Magath sich gelassen. Der Bayern-Trainer glaubt offenbar, dass die Zeit für seine Mannschaft arbeiten werde. Der neue Tabellenführer Werder Bremen sei „wieder sehr stark“, stärker noch als vor Saisonbeginn angenommen. „Aber lassen Sie uns abwarten, jetzt kommen, auch in der Champions League, schwere Monate für alle, die in der Bundesliga oben stehen.“

Während des Spiels hatte Magath hämisch über Weiners Elfmeterpfiff gelacht. Später kritisierte er vor allem sein eigenes Personal, das nach dem Führungstreffer von Santa Cruz eine Reihe von Möglichkeiten vergeben und allzu sorglos auf Ergebnishalten gespielt hatte. „Wir haben es uns selbst zuzuschreiben, dass wir mit nur einem Punkt die Arena verlassen“, sagte Magath. In der zweiten Hälfte habe seine Elf „zu wenig getan“.

Die Panne des FC Bayern erinnerte an einen Programmierfehler. Bis zur 90. Minute funktionierten die Systeme nahezu störungsfrei und sogar der Schiedsrichter hatte mitgespielt; dem Führungstor war eine Abseitsstellung des Flankengebers Zé Roberto vorausgegangen. Doch am Ende geriet ohne erfindlichen Grund manches außer Kontrolle. Es wurde spät und später. Martin Demichelis, ein unbarmherziger Zerstörer, hatte Regisseur Lincoln zur Randfigur degradiert; den Einwechselspieler Gustavo Varela aber grätschte er derart ungestüm von der Seite ab, dass Weiner nochmals glaubte, (zu) hart durchgreifen zu müssen: Rot für Demichelis in der vierten Minute der Nachspielzeit.

Diese Partie dauerte entschieden zu lange für die Bayern. Plötzlich standen sie da wie sonst ihre Gegner, konfrontiert mit dem Vorwurf mangelnder Cleverness. Verpackt in Schiedsrichterschelte, kritisierte Magath indirekt sein eigenes Personal, so etwa Bastian Schweinsteiger. Der Mittelfeldspieler hatte Larsen im Sechzehnmeterraum ungeschickt an der Grenze des Zulässigen attackiert. „Das war sicher kein Elfmeter“, sagte der Bayern-Trainer, „aber es hatte schon zwei, drei andere Situationen im Strafraum gegeben, die vom Publikum als Elfmeter gesehen wurden. Da darf man sich nicht wundern, wenn auch mal ein Strafstoß gepfiffen wird.“

Die Schalker dürften, so wie sie aufgetreten sind, nicht unbedingt ein ernsthafter Rivale für den FC Bayern sein. Ihr Trainer Ralf Rangnick hatte vermutet, dieses Spiel werde seiner Mannschaft die Richtung weisen. Nach der Partie stellte er fest, die Richtung sei „noch offen“. Dieser Befund passt in die Zeit. Rangnicks Analyse erinnert an die Politik in Berlin. Während Bayern und Bremen um die Macht ringen, ist Schalke nur die vierte Kraft hinter beiden Teams und dem Hamburger SV.

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