Sport : Vor dem großen Wurf

Rodney Gessmann spielt gut Baseball – und ist der erste Deutsche, der in den USA ein Star werden kann

Frank Bachner

Berlin - Es war nur ein Trainingsspiel irgendwo in Florida. Nicht mehr als einer der vielen Tests im Frühjahrscamp der Minnesota Twins. Aber Rodney Gessmann wusste, dass sie die Geschwindigkeit seines Balls messen würden. Routine eigentlich, im Profibaseball in den USA messen die Assistenztrainer jeden Wurf in einem Spiel. Auch wenn bloß Talente wie Gessmann in Aktion treten. Aber es war Gessmanns erster Einsatz für die Twins, er ist erst seit dem 5. April offiziell bei ihnen, er musste etwas bieten. Er schleuderte den Ball 93 Meilen schnell, ein starker Wert, es gibt deutsche Nationalspieler, die kommen nur auf 79. Der Rekord des deutschen Nationalspielers Gessmann hatte bis dahin, bis vergangenen Dienstag, bei 91 Meilen gestanden.

Geschwindigkeit ist nicht alles für einen Pitcher, einen Werfer, beim Baseball. Er muss auch noch so werfen, dass der Schlagmann die Fluglinie des Balls möglichst spät erkennen kann. Aber die 93 Meilen zeigten, dass sich Gessmann entwickelt, das war entscheidend. Er hatte schließlich 80 000 Dollar Handgeld für einen Sieben-Jahres-Vertrag kassiert. Er hatte den Preis nach oben gepokert, weil er mehrere Angebote von US-Teams hatte. Weil er, wie Martin Brunner sagt, „das größte Baseballtalent ist, das es jemals in Deutschland gab“. Brunner ist Trainer des Baseball-Bundesligisten Regensburg Legionäre, des bisherigen Teams von Gessmann. Der 32-Jährige leitet das Leistungszentrum Regensburg, er hat für Gessmann verhandelt.

Brunner hat ihm den Weg in ein hochprofessionelles, aber gnadenloses Umfeld geebnet. Wenn Gessmann durchhält, ist er ein Star für die deutsche Baseballszene. Der 20-Jährige ist der erste deutsche Spieler seit fünf Jahren, der in den USA einen Profivertrag erhält, erst der fünfte Deutsche überhaupt, der geholt wird. Alle vier vor ihm sind früh gescheitert, aber Brunner sagt: „Er hat enorme Chancen, in vier Jahren in die Major League aufzusteigen.“ Die oberste Profiklasse, die Top-Ebene. Der Traum aller Baseballer. Gessmann sagt: „Ich glaube, dass ich es schaffen kann. Das Umfeld hier gefällt mir.“

Aber erst mal ist er im Rookie-Ball-Team der Twins, in der vierten, der untersten Ebene. Einer von 60 Neuen bei den Twins, eines von 1500 Talenten, die in diesem Jahr im US-Baseball neu getestet werden. Aber schon hier gibt es feine Hierarchien. Der Gradmesser heißt Handgeld. Die Monatsgage ist für jeden Spieler gleich, 900 Dollar, dazu kostenloses Essen und Hotel, das ist vertraglich festgelegt. Das Handgeld aber ist Verhandlungssache, je höher, desto besser der Spieler. „Mit seinem Handgeld ist er unter den Top 400 der Talente, die neu unterschrieben haben“, sagt Brunner.

Die Twins beobachteten ihn schon seit 2003. In einem Europapokalspiel kam Gessmann mal auf 20 Strikeouts in neun Innings, eine enorme Quote. 20 Mal hatte der gegnerische Schläger den Ball nicht ins Spiel befördern können. „Rodney hat das Spiel allein gewonnen“, sagt Brunner. Er hat ihn 2002 entdeckt und holte ihn von Tübingen nach Regensburg. „Rodney kann sehr hart, aber auch vielfältig werfen. Und vor allem kann er mit Druck sehr gut umgehen.“ Die 20 Strikeouts erzielte Gessmann in seinem ersten internationalen Spiel. Im letzten der drei Finalspiele um die deutsche Meisterschaft 2006 gelangen ihm 18 Strikeouts in neun Innings. Solingen gewann trotzdem den Titel.

Nervenstärke, ein Schlüsselwort. Wer Druck aushält, setzt sich durch. „Du musst jeden Tag besser werden, der Trend muss nach oben gehen“, sagt Brunner. Gessmann ist 1,93 Meter groß, er ist durchtrainiert, aber im Trainingscamp der Twins in Florida ist er an sechs Tagen in der Woche gefordert. „Davor hatte ich Respekt“, sagt Gessmann. „Das war ich nicht gewohnt.“ Bis jetzt hält er mit. Anfang Mai wechselt er nach Elizabeth, South Carolina, zu einem Nachwuchsteam der Twins. Dort beginnt die harte Zeit. Wenn er scheitert, muss er nach Deutschland zurück.

Aber er hat noch einen anderen Druck, einen, den er kaum steuern kann. Er ist ein Hoffnungsträger, er soll Erwartungen erfüllen. Denn Rodney Gessmann, Sohn einer japanischen Mutter und eines deutschen Vaters, in Hildo, Hawaii geboren, soll Baseball in Deutschland populärer machen. Man braucht dazu ein Gesicht, einen Star mit Erfolgen und Ausstrahlung. Gessmanns Image hilft jetzt schon. 35 000 Zugriffe auf die Internetseite der Regensburg Legionäre zählt Brunner im Monat, zum Saisonauftakt gegen die Mannheim Tornados kamen 500 Zuschauer, so viele wie noch nie. Die Legionäre tragen jetzt das Logo eines Foto-Herstellers auf den Trikots, und ein Sponsor bezahlt für Produktionskosten für einen Lokalfernsehsender, der die Regensburger zu Europapokalspielen begleitet.

Einer wie Gessmann könnte der ganzen Liga einen Push verschaffen. Er sei der Typ, mit dem man werben kann, sagt Brunner: „Er ist keiner, der sich produziert, er macht eher in Understatement.“ Gessmann hat den Vertrag mit den Twins „nur im kleinen Kreis gefeiert“, und bei ihm zu Hause hängen zwar seine Trikots, aber er redet nicht groß über seine Auftritte. „Ich kenne die Erwartungen“, sagt er, „aber ich fördere sie nicht.“

Auch deshalb hat er wohl nicht direkt am Tag seiner Vertragsunterzeichnung gefeiert. An dem Tag hatte er keine Lust auf Fete. Stunden zuvor hatten die Legionäre das zweite Finalspiel verloren.

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