Vor dem Halbfinale Frankreich Deutschland : Die Angst vor Bastian Schweinsteiger

Es gibt offensichtlich Leute, die zittern, weil Bastian Schweinsteiger heute mitspielt. Sie trauen dem Kapitän der deutschen Nationalmannschaft nicht. Aber sie sind Hasenfüße! Ein Kommentar.

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Vertraut ihm! Bastian Schweinsteiger, Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.
Vertraut ihm! Bastian Schweinsteiger, Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.Foto: AFP

Es gibt tatsächlich Menschen in Deutschland, Fans der deutschen Nationalmannschaft, die haben Angst! Und zwar gerade weil Bastian Schweinsteiger, der Kapitän, heute Abend im Halbfinale der Europameisterschaft gegen Frankreich auflaufen wird. Wenn man mit den zahlreichen deutschen Bundestrainern in den Betrieben, auf der Straße oder auf privaten Partys diskutiert, runzeln tatsächlich sehr viele die schon leicht angstschweissnasse Stirn. Ich möchte allen diesen Menschen hier zurufen: Ihr seid Hasenfüße! Ihr seid undankbare Pragmatiker! Ihr wisst nichts von wahrem Heldentum!

Diese Leute, die auch der Kollege Ulf Poschardt von der "Welt" kennt, kann man mit viel Einfühlungsvermögen schon ein bisschen verstehen: Sie haben einfach Angst, sie meinen es nicht wirklich böse mit Schweinsteiger, sie sehen seinen malträtierten Körper, sie sehen sein grau gewordenes Haar, sie bilanzieren seine unzähligen Verletzungen... Ja, und dann bekommen sie Angst und fragen sich: Schafft der das noch? Ausgerechnet heute gegen diese Franzosen, beseelt vom Attentats-Trauma ihrer Nation, körperlich robust, schnell, trickreich und so weiter.

Und ja doch, er hat auch diesen Elfmeter verschossen gegen Italien, obwohl er es in diesem Moment schon hätte beenden können, dieses Glücksschießen. Hat er dann nicht. Alles Argumente, um ihm zu misstrauen. Aber es sind alles falsche Argumente! Denn Bastian Schweinsteiger hat keine Angst. Allein das genügt, um ihn heute aufzustellen. Bastian Schweinsteiger ist aber nicht nur deshalb der Richtige am heutigen Abend an der Seite des cool-genialen, aber irgendwie völlig emotionslosen Toni Kroos. Bastian Schweinsteiger ist nämlich einer, der, wenn es ihm erlaubt wäre, um 15 Uhr auf irgendeinem Bolzplatz dieser Welt schon mal mit ein paar Kumpels vorspielen würde, wie es dann am Abend laufen wird. Er hat nicht nur keine Angst vor dem Spiel, er freut sich darauf wie ein Kleinkind, das mit vier Jahren trotzdem das Spiel am Abend gucken darf.

Bastian Schweinsteiger spielt deshalb noch Fußball: wegen solcher Spiele, die er über alles liebt. Spaß haben und auf Weltniveau seriös sein - dass kann er.

Haben wir vergessen, wer er ist? Einst der "Schweini", der mit 18 Jahren nachts im Bayern-Pool mit seiner, klar!, Cousine erwischt worden war, und der, stets gut frisiert, ein Versprechen war: das neue deutsche Fußball-Gesicht zu werden. Dabei war er schon bei der EM 2004. Und, auch wenn es ein paar Umwege brauchte, ein paar verschiedene Positionen, er hat das Versprechen erfüllt.

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Heute Abend wird er spielen wie ein junger Gott

Ohnehin ist sein Gesicht alles, was man anschauen muss, um sich zu beruhigen. Denn es spricht die sprichwörtlichen Bände. Dort sind die Kämpfe, die Verletzungen, die Niederlagen, die Siege eingraviert. Der Mann ist mit 31 Jahren eine Legende. Man muss deshalb an dieser Stelle überhaupt nicht daran erinnern, was er geleistet hat in jenem Spielchen im Sommer 2014, als die deutsche Mannschaft im fernen Brasilien diesen kleinen Pokal gewann.

Hören wir ihm doch zu. Der "Zeit" hat er folgenden Satz verraten, als er gefragt wurde, ob er niemals gedacht habe, er könne nicht mehr. Die Frage zielte auf Schweinsteigers epische Verletztenmisere, aber gleichzeitig zeugte die Frage von großem Unwissen darüber, wie viel Freude, Spaß und Erfüllung noch immer im Fußball stecken für diesen sehr jungen Elder Statesman. Schweinsteiger sprach über seinen Berufsethos: "Das war für mich das erste WM-Finale, mit 29 Jahren, da denke ich nicht darüber nach, ob ich noch kann. Irgendwie haben mich weder die Schmerzen noch die ganzen Fouls beeindruckt. Für mich war da nur dieses Ziel: der Pokal. Manchmal muss man sich in wichtigen Spielen zwingen, nichts mehr zu registrieren. Ich habe den Ellenbogen des Gegenspielers gar nicht in meinem Gesicht wahrgenommen, mir war auch egal, ob der nun Gelb kriegt oder nicht. Obwohl es eigentlich hätte Rot sein müssen. Ich wollte nicht reklamieren. So was hält nur auf. "

Glaubt wirklich jemand, dieser Bastian Schweinsteiger sei nun genau deshalb nicht mehr in der Lage, Härte und spielerische Klasse zu zeigen, weil er bereits den größten Triumph im Leben eines Fußballers erlebt hat: die Weltmeisterschaft? Dann hätte man ihn sehr falsch verstanden. Heute Abend wird er spielen wie ein junger Gott, aber klar! Und wer es nicht glaubt, der lese hier noch einmal den Original-Bastian: "Meine Eltern haben immer gesagt, wenn ich etwas mache, dann bitte seriös. Und trotzdem sollte ich immer Spaß haben und vor allem Freude – wenn ich mich nicht freuen könnte, dann hätte ich auch den falschen Beruf gewählt."

Möge die Fußball-Macht mit ihm sein!

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