Vor dem Halbfinale gegen Hertha BSC : Borussia Dortmund unter Druck

Borussia Dortmund hat bisher eine starke Saison gespielt. Doch verliert der BVB im Pokal-Halbfinale bei Hertha BSC, bleibt der Klub titellos.

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Das Drama von Anfield hat die Dortmunder nachhaltig traumatisiert – schafft Coach Tuchel (r.) in Berlin die mentale Wende?
Das Drama von Anfield hat die Dortmunder nachhaltig traumatisiert – schafft Coach Tuchel (r.) in Berlin die mentale Wende?Foto: Imago

Thomas Tuchel schaute gar nicht glücklich in die Runde, die sich auf dem Trainingsgelände in Dortmund-Brackel eingefunden hatte, um den Ausführungen des Trainers vor dem Aufbruch zur so wichtigen Dienstfahrt nach Berlin zu horchen. Tuchel sah sich mit der Frage konfrontiert, ob ein Ausscheiden im Halbfinale des DFB-Pokals am Mittwoch bei Hertha BSC (20.30 Uhr, live in der ARD) für Borussia Dortmund einen Makel für die bislang so bemerkenswerte Saison bedeuten würde. Der 42-Jährige zog die Stirn in Falten, ihm war deutlich anzusehen, wie sehr ihm eine Diktion missfällt, die solch negative Schwingungen transportiert. „Hier werden mit einer Nonchalance Dinge entwertet, in die wir maximal viel Energie stecken“, antwortete Tuchel.

Auch wenn er genau weiß, dass die öffentliche Wahrnehmung eine andere ist, kämpft Tuchel mit Vehemenz dagegen an, sein Wirken und das seiner Spieler danach zu beurteilen, ob am Ende Titelgewinne herausspringen: „Du kannst die Konstanz und das, was die Mannschaft ausstrahlt, nicht an ein, zwei Spielen festmachen.“

Das kann man durchaus so sehen, schließlich hat der BVB unter Tuchel in drei Wettbewerben erstaunlich viele positive Resultate abgeliefert und mit der Rückkehr in die Champions League das wichtigste Saisonziel frühzeitig erreicht. Doch das ist nur eine Seite der Medaille: Nach dem dramatischen Niederschlag in Liverpool steht Borussia Dortmund am Scheidepunkt einer Saison, in der sich der BVB bislang so bravourös geschlagen hat. Nach dem Viertelfinale in der Europa League steht am Mittwochabend nämlich bereits das nächste Spiel auf der Agenda, bei dem 90 Minuten darüber entscheiden, ob der Weg zu Ende ist.

Das Pokal-Halbfinale wird für den BVB zum Gradmesser

Auch wenn die Atmosphäre in Berlin wohl nicht so tosend wie in Liverpool sein wird, erwartet Tuchel, der als Trainer noch nie im Olympiastadion gewonnen hat, erneut eine Kulisse, „bei der wir auf viele Zuschauer treffen, die ihre Mannschaft absolut unterstützen“.

Dortmunds Trainer kann die Dinge rhetorisch drehen und wenden, wie er will: Der BVB steht beim Halbfinale extrem unter Druck. Die Meisterschaft ist abgehakt, der Traum vom erstmaligen Gewinn der Europa League endete in einem Trauma, der nationale Cup ist damit die letzte Ausfahrt zu einem Titel. Wird auch die verpasst, bleibt nichts. Und eine Saison, in der sich der BVB in neun Monaten so glänzend verkaufte, muss neu beurteilt werden. Die schwierigste Phase seiner noch jungen Dortmunder Schaffensperiode wird für Tuchel zur echten Herausforderung: „Es wird eine Zeit, in der wir uns neu kennenlernen“, sagte er unter den Eindrücken der Geschehnisse von Liverpool: „Es wird interessant, wie wir damit umgehen.“ Die kommenden Wochen werden zu einer Prüfung, bei der die Mannschaft reifen, aber an der sie auch zerbrechen kann.

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Tuchel: 'Spielen Pokal, um den Pokal zu gewinnen'
Tuchel: 'Spielen Pokal, um den Pokal zu gewinnen'

Kapitän Mats Hummels berichtet von langen und intensiven Gesprächen, um jene 90 Minuten zu bewältigen, deren niederschmetternde Wucht jeden Beteiligten noch eine Weile begleiten wird. „Es wäre heuchlerisch, wenn wir sagen würden, das ist verarbeitet“, sagt Tuchel: „Das wirkt nach, und das ist auch völlig in Ordnung.“ Was dabei am besten hilft, weiß der Trainer genau: „Weiterspielen. Wenn du draußen auf der Bühne stehst, kannst du zwar wieder eine Niederlage erleiden, aber das ist kein Weltuntergang.“ Die Therapie zeitigte beim sonntäglichen Erfolg gegen den Hamburger SV erste Erfolge. Mittelfeldspieler Gonzalo Castro erlebte, „wie uns die Tore befreit und unser Spiel beflügelt haben. Es war wichtig, eine gute Reaktion zu zeigen.“

Ein echter Gradmesser, wozu die Dortmunder bis zum Saisonende noch fähig sind, wird jedoch erst die heutige Begegnung. Wenn Tuchel die Wertigkeit des letzten Wettbewerbs betrachtet, in dem seine Mannschaft noch für einen Titel infrage kommt, wählt er einen philosophischen Ansatz: „Im Pokal ist nicht der Weg das Ziel, sondern das Ziel das Ziel.“ Das ist eine leicht kryptische Wortwahl, man kann die Dinge auch stringenter auf den Punkt bringen: „Es geht darum, ins Finale einzuziehen und das zu gewinnen.“ Ob seine Mannschaft in Berlin schön spielt und ein Spektakel abliefert, ist für Tuchel also nachrangig: „Epische Schlachten bitte nur noch mit positivem Ausgang für uns. Von allem anderen haben wir für die nächsten zehn Jahre genug.“

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