Vor dem Spiel gegen den FCA : FC Augsburg – Herthas Vorbild

"Zum ersten Mal in dieser Saison gehen wir als Favorit ins Spiel", sagt Jos Luhukay vor dem Duell mit seinem früheren Arbeitgeber. Aber Hertha BSC kann vom FC Augsburg noch viel lernen.

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Schon beim letzten Aufeinandertreffen 2012 behielt Augsburg die Oberhand.
Schon beim letzten Aufeinandertreffen 2012 behielt Augsburg die Oberhand.Foto: Imago

Das vergangene Wochenende war nicht nur für Jos Luhukay schmerzlich, es hat Hertha BSC auch eine Menge Geld gekostet, zumindest virtuell. In der Fernsehgeld-Blitztabelle ist der Berliner Fußball-Bundesligist durch die Heimniederlage gegen Bayer Leverkusen wieder hinter den FC Augsburg auf Platz 17 zurückgefallen. Eine Million Euro macht das in der Endabrechnung aus, und es deutet einiges darauf hin, dass es bis zum Ende der Saison noch einen verbissenen Wettkampf um Platz 16 geben wird. Das liegt daran, dass Hertha und der FCA im Fernsehgeld-Ranking von ungefähr dem gleichem Niveau in die aktuelle Saison gestartet sind.

Hertha auf einem Niveau mit Augsburg – für jeden stolzen Berliner ist und bleibt das eine seltsame Vorstellung. An diesem Samstag (15.30 Uhr) treffen beide Klubs im Olympiastadion aufeinander, und in den vergangenen Tagen war immer wieder zu hören, dass nach den erfolglosen Begegnungen mit den drei Champions-League-Teilnehmern Bayern, Schalke und Leverkusen jetzt die Gegner kämen, gegen die Hertha punkten müsse. Selbst Trainer Jos Luhukay sagt vor dem Duell mit seinem früheren Arbeitgeber: „Zum ersten Mal in dieser Saison gehen wir als Favorit ins Spiel.“

Wer ist schon Augsburg? Als Jos Luhukay im Sommer 2012 bei Hertha seine Arbeit begann, war unterschwellig eine gewisse Skepsis zu spüren. Was wollen wir denn mit einem Trainer, der vorher in Augsburg gearbeitet hat?

Dabei ist Augsburg das, was Hertha erst noch werden will: ein etablierter Bundesligist. Was also kann Hertha von Augsburg lernen, Herr Luhukay? Der Holländer stutzt. Wie bitte? Hertha von Augsburg? Er überlegt ein bisschen zu lange, dann sagt er: „Nächste Frage.“ Das hört sich arroganter an, als es gemeint ist – weil der Lernprozess ja längst im Gange ist und Hertha selbst ein bisschen augsburgiger geworden ist. Es steckt sogar eine Menge Augsburg in Hertha, nicht nur weil Luhukay, sein Trainerteam, Sebastian Langkamp, Marcel Ndjeng und Hajime Hosogai früher beim FCA unter Vertrag standen. „Die Augsburger zeichnen sich seit Jahren durch ihr starkes Kollektiv aus“, sagt Innenverteidiger Langkamp. „Sie machen aus sehr wenig richtig viel.“ Daran kann sich Hertha sehr wohl orientieren.

Jedes Jahr aufs Neue wird der FCA vor der Saison als sicherer Absteiger geführt, bisher aber hat sich der Klub solchen Prophezeiungen tapfer widersetzt – weil die Mannschaft mehr ist als die Summe ihrer Einzelteile. Augsburg funktioniert nicht über Namen, sondern als Team. In diese Richtung entwickelt sich auch Hertha. Bei Luhukay ist das System der Star. Im Sinne des großen Ganzen kann er auf Einzelschicksale – siehe Ronny, Kluge, Franz, Niemeyer – leider keine Rücksicht nehmen.

Dass die Berliner und der FCA in der Fernsehgeldtabelle dicht beieinander liegen, ist kein Zufall. In den für die Berechnung relevanten fünf letzten Spielzeiten haben beide je zwei Jahre in der Zweiten Liga verbracht und drei in der Bundesliga. Bei den Augsburgern sah die Folge so aus: Zweite Liga, Zweite Liga, Bundesliga, Bundesliga, Bundesliga. Bei Hertha: Bundesliga, Zweite Liga, Bundesliga, Zweite Liga, Bundesliga. Der FCA hat in diesen fünf Spielzeiten nur zwei Trainer beschäftigt, Jos Luhukay und Markus Weinzierl; bei Hertha waren es im selben Zeitraum sechs, inklusive Interimslösungen sogar neun.

Als Luhukay 2011 mit Augsburg in die Bundesliga aufstieg, erhielt er von der Vereinsführung eine Jobgarantie selbst für den Fall, dass der Klub wieder in die Zweite Liga absteigen sollte. Aus dieser Haltung kann sich die Kontinuität entwickeln, der Hertha nun schon seit Jahren hinterherhechelt. Ein bisschen mehr Demut, ein bisschen mehr Realitätssinn – das tut auch den Berlinern gut.

Von Augsburg lernen? „Wir hoffen, dass wir auch diesen Weg gehen können und uns in der Bundesliga etablieren“, sagt Herthas Manager Michael Preetz.

Jos Luhukay hat anfangs in Berlin häufiger erzählt, dass seine Mannschaft in Augsburg selbst nach Niederlagen gefeiert worden sei, wenn die Zuschauer den Eindruck gehabt hätten, sie habe alles gegeben. So etwas wünsche er sich auch mit Hertha.

Beifall nach Niederlagen? In Berlin? Undenkbar. Bis Hertha Ende August 0:2 in Wolfsburg verlor. Eine Dreiviertelstunde nach Spielschluss war der Berliner Fanblock immer noch voll und feierte die Mannschaft.

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