Vor dem Spitzenspiel : Die Hertha-Quadriga wackelt

Hertha BSC versucht, vor dem heutigen Zweitliga-Spitzenspiel in Fürth die Abwehr zu stabilisieren. Das System hat seine Schwachpunkte.

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Die edle Wissenschaft der Statistik verdankt ihre Popularität den zahllosen Verästelungen, die für jeden etwas bereithalten. Freunde von Hertha BSC werden es in diesen Tagen mit Trainer Markus Babbel halten und seinen Argumenten. Hertha BSC steht ganz oben in der Zweiten Liga, hat die meisten Tore geschossen und ist auch die beste Mannschaft der Rückrunde. Alles empirisch belegt.

Doch wer furios stürmt, muss nicht automatisch souverän verteidigen. In der Hinrunde stellte Hertha bei 13 Gegentoren die beste Verteidigung der Liga. Nach acht Rückrundenspielen hat Hertha nun schon elf Treffer kassiert, das ist der achtbeste Wert, weit hinter den Rivalen Augsburg, Bochum und Fürth, gleichauf mit den abstiegsgefährdeten Ingolstädtern. Würde Hertha so effizient verteidigen wie Greuther Fürth, es gäbe keinen Zweifel an der direkten Rückkehr in die Erste Liga. In der Rückrunde haben die Franken erst fünf Gegentore kassiert. Heute ab 20.15 Uhr (live bei Sport1) kommt es in Fürth zum Duell zwischen der besten Abwehr und dem besten Angriff der Liga. „Die Fürther stehen nicht zufällig so weit oben“, sagt Markus Babbel. „Die wollen aufsteigen, wenn wir nicht auf höchstem Niveau spielen, werden wir kaum gewinnen.“

Babbel war früher Verteidiger von Weltniveau. Da muss es ihn irritieren, dass seine Mannschaft ausgerechnet in der Defensivarbeit schwächelt. Herthas Anfälligkeit liegt ja nicht allein an den Unsicherheiten von Maikel Aerts. Die Formkrise des Torhüters ist mehr Symptom denn Ursache der Probleme. Eine funktionierende Defensive hätte Aerts die Sicherheit gegeben, die er für ein erfolgreiches Comeback nach seiner Knieverletzung benötigt.

Das ist insofern verwunderlich, als Babbel seiner Abwehr alle Zeit der Welt zum Zueinanderfinden gegeben hat. Was die Viererkette betrifft, hat er niemals Zweifel gelassen an seinem Idealbild. Rechts Christian Lell, links Lewan Kobiaschwili, in der Mitte Andre Mijatovic und Roman Hubnik – diese Quadriga hat Babbel nur auseinandergerissen, wenn es durch Sperren oder Verletzungen unabwendbar war.

Das System hat seine Schwachpunkte. Mijatovic ist als Respektperson zwar unantastbar, offenbart aber in der Spieleröffnung Defizite. Kobiaschwili fehlt es bei aller Zuverlässigkeit an der Schnelligkeit. Und Lells rechter Flügel war zuletzt oft die Basis gegnerische Angriffe. Das mag auch an der hohen Belastung liegen. Lell hat nach einjähriger Pause bis zu seinem verletzungsbedingten Ausscheiden im Spiel gegen den FSV Frankfurt jede Berliner Zweitligaminute aktiv mitgestaltet. Da ist Verschleiß nur allzu verständlich.

Zurzeit hat Hertha BSC jedenfalls ein Außenverteidigerproblem, und es wird sich nicht dadurch lösen, dass der verletzte Lell heute in Fürth fehlt. Als Vertreter hat Markus Babbel die Kandidaten Christoph Janker und Alfredo Morales ins Auge gefasst. Janker, 26, ist gelernter Innenverteidiger, Babbel schätzt seine Verlässlichkeit, „er ist ein Super-Profi“. Morales, 20, ist der bessere Fußballspieler, vielseitiger und belebender fürs Angriffsspiel. Aber auch anfälliger für Leichtsinn und damit Fehler, „so ist halt mein Latino- Temperament“, sagt der Sohn einer Berlinerin und eines Peruaners. Babbel betont gern, er könne sich in dieser Saisonphase keine Experimente mehr leisten. Also wird wohl Christoph Janker heute verteidigen. In Fürth, wo die Statistiker die beste Defensive der Zweiten Liga verorten.

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