Sport : Vor dem Urteil

Die Nationalmannschaft kommentiert

Marcel Reif

Im Grunde genommen ist der Konföderationen-Pokal ein Nicht-Ereignis, ein freundschaftliches Turnier ohne Nährwert. Ja, ja, nur ist er Testlauf für die WM – und sozusagen die erste Prüfungsverhandlung für Jürgen Klinsmann. Denn noch hat sich der Boulevard nicht entschieden, auf welcher Seite er im Falle des Bundestrainers stehen möchte. Soll er ihm zujubeln, weil da endlich einer ist, der den Aufbruch wagt? Einer der auf Jugend setzt und die Agenda 2006 hinausposaunt: Wir wollen Weltmeister werden.

Oder soll er ihn abwatschen, weil diesem Klinsmann nichts heilig zu sein scheint? Nicht alte Verdienste, nicht alte Gewohnheiten, nicht sein Wohnort und nicht einmal der FC Bayern? Man kann sagen, der Boulevard und seine Blätter ermitteln noch, im Konföderationen-Pokal wird die Angelegenheit dem Untersuchungsrichter vorgelegt. Und dann wird geprüft, ob Anklage erhoben wird.

Wegen leichtfertigen Jugendwahns zum Beispiel. Das ist ja alles ausgesprochen sympathisch, wen und wie Klinsmann laufen lässt. Frisch nach vorne, endlich, und mit dem Recht auf die Fehler der Jugend. Allein: Ich habe mir Argentinien gegen Brasilien angeschaut, und was die Argentinier da in der ersten Halbzeit boten, tja, das ist dann doch eine ganz andere Sportart. Das sind doch die Gegner, die besiegt werden müssen auf dem Weg zum Titel, und wie das gehen soll, weiß ich nicht.

In Teilen mag Klinsmanns Auswahl Balance haben, etwa im Mittelfeld, wo der reife Ballack dem ungestümen Schweinsteiger den Rücken stärkt. Aber wenn die Burschen Podolski oder Mertesacker jetzt noch mitkriegen, dass von ihnen der Segen Deutschlands abhängt, werden die zu Tode erschrecken. Und wo es hinführt, wenn allzu viel Verantwortung auf schmächtigen Schultern lastet, hat Kollege Deisler schmerzhaft erfahren müssen. Aber was soll’s, es gibt nur diesen Weg. Oder soll Klinsmann auf Herren wie Christian Wörns setzen, der schon im vergangenen Jahrhundert patzte, als es gegen Kroatien ging?

Nein, es ist der richtige Weg, den die Nationalmannschaft geht. Man muss sich nur im Klaren sein, dass er auch nicht ins Ziel führen kann. Der Verweis auf die Agenda 2010, wenn diese Jugend reif ist für die nächste WM, wird dann nichts helfen. Dann wird nicht mehr ermittelt, sondern abgeurteilt.

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