• Vor den Olympischen Spielen in Rio : Der symbolische Kampf Rios gegen das Zika-Virus

Vor den Olympischen Spielen in Rio : Der symbolische Kampf Rios gegen das Zika-Virus

Das Zika-Virus grassiert für Brasilien vor den Olympischen Spielen zum ungünstigsten Zeitpunkt. Doch die Ängste davor scheinen übertrieben.

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Die Mückenjäger. In den kommenden Tagen sollen weitere 50 000 Militärs mit Insektiziden bewaffnet auf die Straßen gehen. Foto: Reuters/Olivares
Die Mückenjäger. In den kommenden Tagen sollen weitere 50 000 Militärs mit Insektiziden bewaffnet auf die Straßen gehen. Foto:...Foto: REUTERS

Ein ganzer Tag, ein ganzes Land, komplett im Zeichen des Moskitos. Auf den Flugblättern, die 220 000 Soldaten und öffentliche Angestellte am gestrigen Samstag in Wohnvierteln in ganz Brasilien verteilten, prangte ein durchgestrichenes Exemplar der Mücke Aedes aegypti. Der Aktionstag sollte über mögliche Brutstätten des Moskitos informieren, der das Zika-Virus übertragen kann. In den kommenden Tagen sollen noch einmal 50 000 Militärs auf die Straße, diesmal mit Insektiziden bewaffnet. Seltsamerweise liegt der Schwerpunkt der Aktion jedoch nicht im Nordosten des Landes, wo bislang die meisten Zika-Fälle registriert wurden, sondern in Rio de Janeiro. Sogar Präsidentin Dilma Rousseff erschien in der Stadt.

Die Olympischen Spiele, sie machen Rio zu Brasiliens Schaufenster.

Olympische Spiele generieren ihre ganz eigenen Ängste und Sorgen. In Peking 2008 fürchtete man den Smog. In London 2012 hatte man Angst vor Terroranschlägen. In Rio de Janeiro ist es nun ein Virus mit dem furchterregend klingenden Namen Zika, das Unsicherheit verbreitet. Unsicherheit führt aber oft zu vorschnellen Schlüssen und Reaktionen.

Einige nationale olympische Komitees, darunter die Australiens und Neuseelands, stellen ihren Athleten wegen Zika nun frei, ob sie im August an den Sommerspielen in Rio teilnehmen. In Kenia denkt man darüber nach, die Läufer nicht nach Brasilien zu schicken. Und Hope Solo, Torhüterin des US-amerikanischen Fußballteams, sagte, dass sie nicht bei den Spielen mitmachen würde, wenn sie heute begännen. In Europa rätselt man derweil, was das Ganze zu bedeuten hat.

Es lässt sich jetzt schon sagen: Im August, dem Monat der Spiele, herrscht in Rio de Janeiro der stets ein wenig kühlere und trockenere Winter. Der Hauptüberträger von Zika, das Moskito Aedes aegypti, ist dann kaum mehr vorhanden. Dieser Umstand wird nun immer wieder vom Internationalen Olympischen Komitee und den brasilianischen Veranstaltern wiederholt. Man hat große Angst vor einem Einbruch des Olympia-Tourismus.

Schon vor der Fußball-Weltmeisterschaft im Juni und Juli 2014 hatte es Befürchtungen gegeben, etliche Spieler könnten an Dengue-Fieber erkranken. Dengue wird von dem gleichen Moskito wie Zika übertragen und löst schweres Fieber und Schmerzen aus. Es wird auch Knochenbrecherfieber genannt und kann unter besonderen Umständen zum Tod führen. Letztes Jahr erkrankten in Brasilien rund 1,7 Millionen Menschen daran, fast 900 starben.

Doch über eine Verlegung oder Absage der WM 2014 dachte niemand nach. Ebenso wenig wie man jemals wegen Dengue eine Verlegung von Olympia 2016 in Betracht zog. Doch genau das passiert nun wegen Zika. Die US-amerikanischen Wissenschaftler Lee Igel und Arthur Caplan von der New York University fordern im Magazin „Forbes“ die Absage oder Verschiebung der Spiele. Sie schreiben von virenverseuchten Moskitos, die die Massen attackierten und nennen Zika eine „ernste Gefahr für die Menschheit“. Alles andere als eine Verschiebung oder Absage der Olympischen Spiele sei „unverantwortlich und sinnlos“.

Aus Rio de Janeiro betrachtet, verhält es sich umgekehrt. Die Forderung der beiden Wissenschaftler ist unverantwortlich, eitel und übertrieben. Schlimmer noch: Sie zeugt von Unkenntnis der Situation in Rio de Janeiro und löst unberechtigte Ängste aus. Da muss man dem deutschen Olympia-Arzt Bernd Wolfarth zustimmen, der in der „FAZ“ eine Art Zika-Entwarnung gab und die „Ausprägung für immun-gesunde Normalpersonen“ überschaubar nannte.

Risiko einer Ansteckung im August extrem niedrig

Denn wie bereits erwähnt, ist das Risiko einer Ansteckung im August extrem niedrig. Zweitens aber ist die Erkrankung für einen Infizierten oder eine nicht-schwangere Infizierte offenbar harmlos und wird von achtzig Prozent der Infizierten nicht oder nur leicht wahrgenommen. Der Rest leidet für einige Tage unter Fieber, Hautausschlag, Knochenschmerzen, Bindehautentzündung. Als „zarte Grippe“ beschreiben Menschen, die Zika hatten, die Wirkung.

Natürlich gibt es die bekannten Ausnahmen. Der Verdacht erhärtet sich, dass Schwangere bei einer Infizierung Gefahr laufen, das Hirnwachstum des Embryos zu schädigen und ein Kind mit Mikrozephalie zur Welt zu bringen. Zweitens vermutet man eine Verbindung zwischen Zika und dem Guillain-Barré-Syndrom, einer Lähmungserscheinung, die gravierend verlaufen und langwierig sein kann. Guillain-Barré kann allerdings von jeder Virusinfektion ausgelöst werden, auch von Dengue. Deshalb gibt es auch in dieser Hinsicht mehr Fragen als Antworten.

Es sind diese Unsicherheiten und die fast täglich neuen Meldungen, die Raum für abstruse Vorstellungen lassen. Kann Zika durch Sex, gar durch Küssen übertragen werden (so wie ein Haufen anderer ernster Krankheiten übrigens auch)? Die Antwort ist, das man es nicht genau weiß, und der Verdacht liegt nahe, dass Forschungsinstitute die Ergebnisse einzelner Untersuchungen vorschnell hinausposaunen, weil es natürlich immer auch um Aufmerksamkeit und Geld geht.

Die Kunst in Rio de Janeiro besteht derzeit darin, sich nicht irremachen zu lassen. Auch nicht von Nachfragen aus Deutschland, in denen eine Besorgnis zum Ausdruck kommt, die hier – abgesehen von Schwangeren und ihren Familien – niemand hat. Als ob man in Rio nicht an jeder Straßenecke ausgeraubt werden könnte.

Die Stadt der Spiele handelt derweil, wie sie das meistens tut, wenn das Wohl einer breiten und damit immer auch ärmeren Öffentlichkeit betroffen ist: Sie handelt symbolisch.

Vor dem nun beendeten Karneval zogen Vermummte durch das Sambodrom und nebelten es mit Insektiziden ein. Es schien mehr eine Show fürs Ausland zu sein. Dann liefen in den Pausen zwischen den Durchzügen der Sambaschulen Angehörige von Rios Stadtreinigung mit einer Fahne durch das Sambodrom. „Xô, Zika!!“ stand darauf: Stop, Zika. Darunter eine durchgestrichene Mücke. So als ob man nicht schon seit Jahren erfolglos versuchte, die Aedes-aegypti-Mücke wegen Dengue auszurotten. Nun also bekämpft man sie wegen Zika.

Wie viele Fälle von Zika-Infektionen es in Brasilien gab und gibt, kann man wegen der schwierigen Symptomatik nicht sagen, aber die Zahl dürfte in die Millionen gehen. Von den 3670 Verdachtsfällen auf Mikrozephalie, die derzeit landesweit untersucht werden, hat man 208 im Bundesstaat Rio de Janeiro registriert. Die Zahlen dürften in den kommenden Wochen weiter ansteigen, mit einer starken Konzentration im armen Nordosten, wo fast 90 Prozent der Fälle erfasst worden sind.

Vor und während Olympia, so wird angekündigt, werde man die Sportstätten und die Unterkünfte der Athleten säubern, auch im Umkreis Insektizide sprühen. Bürgermeister Eduardo Paes nutzt nun in seiner hemdsärmeligen Art jede Gelegenheit, um zu betonen, dass Zika „kein Problem für Olympia“ sein werde. Tatsächlich mag ihm die Aufregung um das Virus gar nicht ungelegen kommen. Sie lenkt von der Korruption rund um die Olympiabauten und der Zwangsumsiedlung tausender ärmerer Menschen ab, die Platz für Infrastrukturprojekte und Immobilienprojekte machen müssen.

Außerdem überdeckt Zika das viel größere Gesundheitsrisiko: die Verseuchung der Guanabara-Bucht, in der die Segelwettbewerbe stattfinden sollen. In dem riesigen Gewässer, in das täglich Millionen Liter ungeklärter Abwässer laufen, befinden sich antibiotikaresistente Bakterien und Viren. Letztes Jahr zog sich der deutsche Segler Erik Heil bei einer Regatta eine schwere Wundinfektion zu. Andere Segler klagten über Übelkeit und Fieber.

Zwar hatte Paes versprochen, die Bucht zu säubern – was ein bleibendes Erbe für die Bevölkerung Rios gewesen wäre. Doch nun wird lediglich der schwimmende Müll von Barrieren an den Zuflüssen zurückgehalten. Speziell entworfene Boote fischen zudem die Plastikflaschen und Styroporbecher, das Bauholz, die toten Ratten und Kunststoffsandalen aus der Bucht. Das ist begrüßenswert, aber wie so vieles in Rio de Janeiro eine oberflächliche Lösung. Kosmetik, um die Welt zu beruhigen.

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