Sport : Vor der Welt verschlossen

Der Tod des Radprofis Marco Pantani wirft die Frage auf: Weshalb leiden Sportler an Depressionen?

Robert Ide

Eine Leiche im Hotelzimmer. Beruhigungsmittel am Bett. Persönliche Notizen zum Abschied. Das ist das letzte Bild von Marco Pantani, dem Sportidol Italiens. Das letzte Bild eines Radrennfahrers, der vor unseren Augen einst die Berge hinaufhetzte, ungehalten wie kaum ein anderer auf seinem Stahlgerippe. Nun ist Marco Pantani tot. Im Alter von 34 Jahren wurde er in einem Hotel in Rimini gefunden. Der Welt des Sports bleiben die Bilder seiner Kämpfe und Siege, auch die seiner Skandale. Aber es bleibt noch ein anderer Eindruck im Gedächtnis: der eines Mannes, der womöglich am eigenen Leben verzweifelt ist.

Depressionen. Das war lange ein Tabu – in der Gesellschaft und im Sport. Inzwischen versucht die Öffentlichkeit, offener mit der Krankheit umzugehen. Auch bei Stars, denen sie den Druck des Erfolges zumutet und die Offenlegung ihres Privatlebens. Dass Marco Pantani krank war, hat die Öffentlichkeit gewusst. Doch diese Verständigung zwischen dem Star und seinen Bewunderern hat nicht ausgereicht, ein Menschenleben zu bewahren. Zuletzt war Pantani vereinsamt, hatte Medikamente zu sich genommen, zugenommen, sich eingeschlossen, vor der Welt verschlossen.

Sport hilft gegen Depressionen. Das sagen Mediziner. Untersuchungen in den USA haben gezeigt, dass sich Patienten, die sich regelmäßig bewegen, weniger auf Antidepressiva zurückgreifen. Was aber passiert mit Sportlern, die den Druck der Öffentlichkeit spüren, und ihren eigenen? „Ein Spitzensportler soll nach außen stark auftreten und hat keine Intimsphäre für sich“, sagt der Mainzer Sportmediziner Klaus Gundlach. „Diese Situation kann schnell zu Überlastungen und Selbstzweifeln führen.“ Gerade in Sportarten wie dem Radsport, wo Athleten monoton auf Straßen und Bahnen trainieren, ist die Gefährdungsrate hoch. „Psychische Erkrankungen treten eher bei Einzelsportlern in Ausdauerdisziplinen auf“, sagt der Kölner Sportpsychologe Oliver Kirchhof. Spitzensport hilft manchmal nicht gegen Depressionen.

Druck kann psychisch sein und physisch. Neben der Last im Kopf beschweren oft noch Medikamente das Leben vieler Spitzensportler, gerade im Radsport. Tabletten zur Stimulation der Leistung, erlaubte und unerlaubte Mittel, haben negative Nebenwirkungen. Opfer des DDR-Dopingsystems berichten, dass sie unter schweren Depressionen litten. Folge des psychischen und physischen Drucks.

Zehn Prozent der Bevölkerung kennen nach Analysen von Ärzten diese Gefühle: Niedergeschlagenheit, regelmäßig. Erschöpfung, ständig. Selbstmordgedanken, manchmal. Inzwischen verbinden sich auch Namen und Bilder des Spitzensports mit der lange tabuisierten Krankheit. Sebastian Deisler, der Fußballstar des FC Bayern, ließ sich in einer Klinik behandeln. „Ich weiß, dass ich Depressionen habe“, sagte er der Öffentlichkeit. Oder Jan Simak, der Profi von Hannover 96; er flüchtete vor dem Druck in seine tschechische Heimat.

Und nun Marco Pantani. Der Radprofi, der die Berge hinauffuhr und die Straßen entlanghastete, stürmisch und ungehalten wie kaum ein anderer. Der tote Held in einem Hotelzimmer.

SEITE 3

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben