Vor Kampf gegen Chris Eubank : Arthur Abraham hat die Zeichen der Zeit erkannt

Boxer Arthur Abraham ist mit den Jahren professioneller geworden. Jetzt will er sich im Kampf gegen den extrovertierten Chris Eubank jr. wieder einen WM-Titel holen.

Arthur Abraham (links) und Chris Eubank jr. bei der Pressekonferenz in Berlin.
Arthur Abraham (links) und Chris Eubank jr. bei der Pressekonferenz in Berlin.Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Im Titanic am Gendarmenmarkt geht es gediegen zu. Die Schritte der Gäste werden langsamer und von dicken Teppichen geschluckt. Wie weich müssen erst die Betten sein? Vielleicht verschläft Chris Eubank jr. deshalb gerade seinen Termin. Während ein gutes Dutzend Journalisten auf ihn wartet, muss der 27 Jahre alte Berufsboxer von seinem Vater aus dem Nickerchen geholt werden. Endlich unten im Ballroom des Hauses angekommen, muss erst noch ein Happen vom Buffet her, ehe er tänzelnden Schrittes zum Podium geht. „Ich bin zu jung, zu stark und zu schnell für Arthur Abraham“, sagt der Engländer kess.

Der Angesprochene ist dagegen ausgesprochen pünktlich. Ja, die Pünktlichkeit sei eine Disziplin, in der der inzwischen 37 Jahre alte Boxer deutlich vorangekommen ist, wie es ihm sein Trainer Ulli Wegner bescheinigt. Und der muss es wissen. Seit 2003 arbeiten die beiden Wahl-Berliner miteinander, sie haben große Siege errungen und schwere Niederlagen durchlitten. Wegner hat Abraham 2006 zum IBF-Weltmeister im Mittelgewicht gemacht, und 2012 sowie 2014 jeweils zum WBO-Weltmeister im Super-Mittelgewicht. Immer mal wieder hat Wegner mit Abraham gehadert, an dessen Einstellung gezweifelt und die Zusammenarbeit in Frage gestellt. Wie zuletzt vor einem Jahr, als Abraham im Ring des MGM Grand in Las Vegas ein boxerisches Fiasko erlitt und seinen WM-Titel an den Mexikaner Gilberto Ramirez verlor.

Chris Eubank senior besiegte 1994 Graciano Rocchigiani

Abraham habe die Zeichen der Zeit erkannt. In diesem Frühjahr hat er in einem WM-Ausscheidungskampf gegen Robin Krasniqi überzeugt. „Arthur ist trotz seines Alters noch nicht verbraucht“, sagt Ulli Wegner. „Das er jetzt auch noch pünktlich geworden ist, zeigt mir, dass er bei der Sache ist.“ Die Sache ist nämlich die: In gut einem Monat, am 15. Juli, fordert Abraham in der Wembley-Arena zu London den etwas vorlauten Eubank heraus. Der junge Mann ist derzeit Weltmeister im Super-Mittelgewicht der IBO, eines Verbandes, der „negligible“ ist, wie man im Englischen sagt, also vernachlässigenswert. „Titel ist Titel“, sagt einer aus der Entourage des Engländers. Doch eigentlich geht es schlicht um die Paarung, die hat es durchaus in sich.

Mit dem Vater von Chris Eubank jr, also Chris Eubank himself, machte im Februar 1994 ein anderer bedeutender Berliner Box-Weltmeister seine unliebsame Erfahrung. In der vollbesetzten Deutschlandhalle fügte Eubank Senior dem bis dahin ungeschlagenen Graciano Rocchigiani höchst umstritten dessen erste Niederlage überhaupt zu. Eubank Senior, eigentlich Christopher Livingstone Eubanks, der im Ring viele Posen und noch mehr Faxen machte, gefiel sich damals außerhalb des Rings in der Rolle als Dandy, der in Reithosen und hohen, braunen Stiefeln kam, der Gerte und Monokel trug. Inzwischen trainiert, managed und promotet er seinen Sohn, der neben dem boxerischen Talent auch einiges der Exaltiertheit seines Vaters geerbt hat. „Ich bin hier auf einer Mission“, sagt der Sohnemann.

"Scheitern ist keine Option"

Arthur Abraham war damals 14 und lebte noch in Armenien, ehe er ein Jahr später mit seinen Eltern und Bruder als Spätaussiedler nach Deutschland kam und anfing Sport zu treiben. Bald darauf wurde er nordbayerischer und fränkischer Meister – im Straßen-Radfahren. Zum Boxen kam er spät, erst in den Nullerjahren in Berlin, als Sparringspartner von Sven Ottke. Der Rest ist bekannt, mit allen Höhen und Tiefen. Ha, sagt Eubank Senior. Abraham boxe wie „ein Panzer, der nur nach vorne fahren kann, aber nicht zurück oder seitwärts. Der Kampf wird für ihn ein Schock werden“, sagt der 50-jährige Eubank. Mit diesem Stil würde „Mister Abraham“ ins Verderben rennen und sich „selbst zerstören“.

Das ist der Moment, an dem Ulli Wegner es für angemessen hält, die übliche Zurückhaltung aufzugeben. „Mensch Chris, dein Junge liegt uns von seinem Stil her wie ein Gesangbuch in der Hand“, sagt der 75-Jährige. Und das, obgleich ihm „die Hingabe“ beeindrucke, mit der der junge Engländer seine Kämpfe bestreite. 24 seiner 25 Profifights hat Eubank jr. gewonnen, 19 davon durch Knockout.

„Arthur muss in bester Form sein, um Chris jr., den Sohn einer Legende, in dessen Heimat, dem neuen Box-Mekka London, zu schlagen“, sagt Nisse Sauerland vom Abraham-Management. „Scheitern ist keine Option.“ London ist in den vergangenen fünf, sechs Jahren zu einer Art Box-Hauptstadt geworden. England stellt ein Dutzend Weltmeister quer durch die Gewichtsklassen. Das alles vernimmt Arthur Abraham ziemlich reglos. Er freue sich auf diesen Kampf, „ich bringe den Titel nach Deutschland“, sagt er, „egal wie.“ Natürlich wäre ihm ein Kampf um einen richtigen Weltmeister-Titel lieber gewesen, „aber wir gewinnen jetzt diesen und dann in drei oder vier Monaten den anderen“, sagt Arthur Abraham, ehe er im Titanic abtaucht.

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