Sport : Vorarbeiter am Industriestandort

Mit seinem Fleiß und seinen Flanken hat Marcelinho dem VfL Wolfsburg schon jetzt weitergeholfen

Jörg Strohschein[Wolfsburg]

Es sollte wohl auch eine große Wertschätzung ausdrücken, allerdings war aus Marcelo Bordons Worten eine deutliche Verärgerung herauszuhören. „Ich habe Marcelinho nach dem Spiel gesagt, schieß’ den Ball doch auf die Tribüne“, sagte der Schalker Kapitän und lächelte dabei gequält. Bordon hatte erkannt, dass Marcelinho einer der beiden entscheidenden Wolfsburger Akteure war, der den Westfalen beim 2:2-Unentschieden in der Volkswagen-Arena einen großen Schritt in Richtung deutscher Meisterschaft verwehrte. Der frühere Berliner hatte in der zweiten Halbzeit zwei Freistöße derart präzise auf den Kopf des Stürmers Diego Klimowicz gezirkelt, dass der Argentinier diese Gelegenheiten kaum auslassen konnte. Die zuvor so souverän herausgespielte 2:0-Halbzeitführung der Schalker durch zwei Treffer von Kevin Kuranyi glich er damit in letzter Minute aus.

„Wir wussten, dass uns die Wolfsburger nur durch Standardsituationen gefährlich werden können. Umso ärgerlicher, dass ihnen dies gelungen ist“, sagte Bordon. Nicht nur die Schalker wissen um die fußballerischen Qualitäten des Brasilianers, der seinem früheren Klub Hertha BSC mal größte Freude und mal großen Ärger gebracht hatte. Doch der 31-Jährige scheint sich in der Provinz Wolfsburg ausschließlich auf seinen Beruf zu konzentrieren und auf ausschweifende Diskothekenbesuche gänzlich zu verzichten. „Es ist beachtlich, wie schnell sich Marcelinho hier in die Mannschaft integriert hat. Die Spieler sind nur voll des Lobes über ihn“, sagt Wolfsburgs Sportdirektor Klaus Fuchs.

Von Eskapaden, Verspätungen oder ähnlichen leistungshemmenden Vorfällen konnten die örtlichen Medien noch nicht berichten, vielmehr wird Marcelinho bisher als überaus freundlicher, höflicher und volksnaher Mensch wahrgenommen. Und seine Leistungen in den bisherigen fünf Bundesligapartien korrespondieren mit dieser positiven Wahrnehmung. Sechs Torvorlagen hat er bereits gegeben, durchschnittlich achtzig Ballkontakte in einer Partie vorzuweisen (der Durchschnitt eines Profis in der Liga liegt bei fünfzig bis sechzig Ballkontakten) und seine Laufleistung liegt bei bemerkenswerten zwölf Kilometern pro Partie.

Alle Spieler merken, dass Marcelinho ihnen hilft, ist aus dem Umfeld des Klubs zu hören. Doch in dieser großen Präsenz schlummert auch Gefahr. Die Mannschaft von Trainer Klaus Augenthaler scheint auf dem besten Weg, wie einst Hertha, sich von den Spielkünsten des Brasilianers abhängig zu machen. „Er wird immer besser und wichtiger für uns“, sagt Augenthaler, wohl wissend, „dass wir nicht die ganze Verantwortung auf ihn ablagern dürfen.“

Doch derzeit scheint Marcelinho der richtige Mann am richtigen Ort zu sein. Denn er verleiht mit seiner Spielweise der grauen Maus VfL Wolfsburg nicht nur spielerischen Glanz. Seine Qualitäten könnten auch der Schlüssel dafür sein, dass die Wolfsburger das Niemandsland der Bundesliga-Tabelle endlich einmal verlassen und in Regionen vordringen, die sie bisher zwar ständig anpeilten, aber mit großer Zuverlässigkeit verpassten.

In der kommenden Woche wird Marcelinho sein Hotelzimmer aufgeben und mit seiner Frau, seinen zwei Kindern sowie einem Kindermädchen in einen gut-bürgerlichen und ruhigen Stadtteil am Rande der Autostadt in ein 300 Quadratmeter großes Haus ziehen mit eingebauter Sauna und Swimmingpool. Das sieht nicht danach aus, als wolle Marcelinho den Verein so schnell wieder verlassen. Marcelinho und Wolfsburg könnten sich schnell aneinander gewöhnen.

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