Sport : Vorbild für die Welt

Die Eröffnungsfeier in Athen war spektakulär – und die Nationen zeigten, was Völker verbinden kann

Benedikt Voigt[Athen]

Bei der Eröffnungsfeier kann auch die Reihenfolge der Nationen etwas aussagen. „Wie immer folgten die USA dem Öl“, merkte der Korrespondent des Internetanbieters „espn.com“ an, als die Amerikaner hinter dem Team der Vereinigten Arabischen Emirate ins Stadion einmarschierten. Viele Zuschauer jubelten, während sich die 538 amerikanischen Athleten auf die Stadionrunde machten. Doch als ihre Delegation in den dunkelblauen Trainingsanzügen die erste Kurve erreicht hatte, begannen einige Zuschauer zu pfeifen. Weil viele Griechen gegen den Krieg im Irak waren, ist im Vorfeld spekuliert worden, wie sie das US-Team aufnehmen würden.

Die spektakuläre Eröffnungsfeier der 28. Olympischen Spiele in Athen am Freitagabend besaß zahlreiche dieser politischen Momente. Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) appellierte an die 10 500 Athleten aus 202 Nationen. „Zeigt uns, dass der Sport verbinden kann, weil er nationale, politische, religiöse und sprachliche Barrieren überwindet", sagte Jacques Rogge. Dieses Anliegen übermittelten auch ein russischer Kosmonaut und ein amerikanischer Astronaut, die aus einer internationalen Raumstation eine Grußbotschaft über die Großbildleinwand in das Olympiastadion mit seinen zwei riesigen Dachbügeln sandten. Nord- und Südkorea setzten den völkerverbindenden Gedanken bereits beim Einmarsch um. Hand in Hand liefen die Sportler der beiden politisch verfeindeten Nationen ein.

Laut jubelten die Griechen, als die 20-köpfige irakische Delegation erschien. Erstmals seit der Suspendierung durch das IOC darf das Land wieder mitmachen. Auch die Athleten des Sudan, in deren Land der Bürgerkrieg tobt, fehlten nicht beim Einmarsch. Neben dem Irak ist auch Afghanistan erstmals seit dem Ende des Taliban-Regimes bei Olympischen Spielen dabei. Ebenfalls erstmals nehmen zwei afghanische Frauen an den sportlichen Wettkämpfen teil.

In früheren Jahrzehnten nahm die Politik auf die Olympischen Spiele größeren Einfluss. 1936 benutzte Adolf Hitler die Spiele in Berlin, um Propaganda für das nationalsozialistische Regime zu betreiben. 1968 in Mexiko demonstrierten die Leichtathleten Tommie Smith und John Carlos mit erhobenen Fäusten und gesenkten Köpfen auf dem Siegespodest für die Black-Panther-Bewegung und Bürgerrechte der Afroamerikaner in den USA. Seit dem Ende der Sechzigerjahre trugen die beiden Machtblöcke ihren politischen Kampf auch bei den Olympischen Spielen aus, um die Überlegenheit des eigenen Systems zu demonstrieren. 1980 folgten die westlichen Staaten einem Boykottaufruf der USA für die Spiele in Moskau. Es war eine Reaktion auf den Einmarsch sowjetischer Soldaten 1979 in Afghanistan. 1984 in Los Angeles blieben dann die östlichen Staaten fern.

Seitdem hat sich die Politik aus den Spielen wieder etwas mehr herausgehalten. Allerdings bot der Freitag einigen Griechen die Chance, an den bösen Einfluss fremder Mächte auf den Sport zu glauben. „Ist das Teil einer amerikanischen Verschwörung gegen Griechenland“, fragte ein griechischer Journalist einen Vertreter des amerikanischen Olympischen Komitees. Die Ereignisse um den mysteriösen verweigerten Dopingtest der griechischen Sprinter Ekaterini Thanou und Konstantin Kenteris haben die griechische Seele empfindlich getroffen (siehe dazu auch Seite 20). Sie überschatteten auch die Eröffnungsfeier.

Eigentlich hätte wohl der Olympiasieger Kenteris die überdimensionale Fackel im Olympiastadion anzünden sollen. An seiner Stelle erschien Nikolaos Kaklamanakis, Goldmedaillengewinner im Surfen bei den Olympischen Spielen in Atlanta. Doch die stimmungsvolle Show, mit ihren mythischen Elementen und einer Zeitreise vom antiken Griechenland in die Moderne, begeisterte Athleten und Zuschauer. „Das sind schon meine fünften Olympischen Spiele, aber das toppt alles“, sagte der deutsche Fahnenträger Ludger Beerbaum. Die Griechen feierten sich mit „Hellas, Hellas“-Sprechchören selber. Die Zeitung „Ta Nea“ schrieb: „Der Traum der Eröffnungsfeier wischte den Albtraum der Dopingaffäre weg.“

Fast zwei Stunden hatte allein der Einmarsch der Nationen gedauert. Erst gegen zwei Uhr nachts trafen die Athleten wieder im Olympischen Dorf ein. Wer in den ersten beiden Tagen einen Wettkampf hat, blieb der kräftezehrenden Veranstaltung fern. Für die anderen haben sich die Strapazen dennoch gelohnt. „Hier treffen 200 Nationen friedlich aufeinander – wo gibt es das sonst?“, sagte der deutsche Segler Roland Gäbler. „Wir sind Vorbilder für die Welt.“

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