Sport : Vorbild für Völler

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Von Martín E. Hiller

Als die argentinischen Nationalspieler Javier Zanetti, Claudio Lopez und Claudio Caniggia vor kurzem zu ihrer Meinung betreffs der wirtschaftlichen Situation in ihrem Heimatland befragt wurden, antworteten alle drei gleichzeitig: zuerst mit betretenem Schweigen und dann, nach einer kleinen Pause, mit dem trotzigen Bekenntnis, gerade deswegen alles für ihre Leute zu Hause zu geben. Das heißt: möglichst erfolgreichen Fußball zu spielen. „Ich kann den Menschen daheim kein Essen auf den Tisch zaubern, indem wir Nigeria schlagen oder fünf Spiele in Folge gewinnen. Aber wir wissen, was man von uns erwartet“, sagt Juan Sebastian Veron, der Spielmacher von Manchester United. Argentinien muss derzeit wirtschaftliche und politische Wirren in einem Maße wie wohl kein anderes Land ertragen, das bei der Weltmeisterschaft vertreten ist. Rein moralisch könnte man argumentieren, ist der Weltmeistertitel keiner Nation mehr zu gönnen als Argentinien.

Aber auch nach nüchtern-fachlicher Analyse kommt man zu dem Schluss, dass, alle Faktoren zusammengenommen, kein Team größere Chancen auf den WM-Titel hat: Argentinien hat eine technisch hochklassige und kampfstarke Mannschaft, die seit dem Amtsantritt von Trainer Marcelo Bielsa 1998 in der heutigen Besetzung zusammenspielt. Über die in dieser Zeit gewachsene Harmonie staunte auch Rudi Völler, als seine Elf in Stuttgart zur Vorbereitung gegen Argentinien antrat. „Die Spieler ballen schon während der Nationalhymne die Hände zu Fäusten und packen sich gegenseitig an den Händen, so sehr freuen die sich aufs Spiel. So weit sind wir noch lange nicht", sagte der deutsche Teamchef. Seine Mannschaft verlor das Testspiel 0:1, weil die Argentinier mehr Spielwitz und Teamgeist bewiesen. Wann auch immer es zu einem kleinen Disput zwischen einem Argentinier und einem Deutschen kam, stürmten sofort mehrere argentinische Spieler herbei, um ihrem Kollegen zumindest verbal zur Seite zu stehen.

Zur Geschlossenheit kommt die individuelle Klasse der Spieler, von denen wie die Regisseure Juan Sebastian Veron und Ariel Ortega die meisten im besten Fußballalter sind. Diese Klasse ist statistisch leicht nachzuweisen: Fast alle argentinischen Nationalspieler kicken in den führenden Vereinen Europas, wo sie wichtige, oft zentrale Positionen besetzen. In der abgelaufenen Champions League-Saison war Argentinien das einzige Land, das bei jedem der vier Halbfinalteilnehmer mindestens einen Spieler stellte – Diego Placente bei Bayer Leverkusen, Javier Saviola und Roberto Bonano beim FC Barcelona, Veron bei Manchester United sowie Santiago Solari beim späteren Sieger Real Madrid. Dass die Stammspieler Saviola und Solari es ebenso wie Südamerikas Fußballer des Jahres, Juan Roman Riquelme von Boca Juniors, nicht in Argentiniens WM-Kader schafften, ist ein weiterer Beweis für das Spielerpotenzial am Rio de la Plata. Im Gegensatz zu Italien ist Argentinien auch auf den Plätzen 12 bis 23 gut bis sehr gut besetzt: Gabriel Batistuta, der Torjäger von AS Rom, sitzt beim Auftaktspiel gegen Nigeria nur auf der Bank. Auch Ersatzleute wie Pablo Aimar oder Matias Almeyda hätten wohl in fast allen anderen WM-Teams einen Stammplatz.

Somit hat Argentinien jedem seiner schärfsten Konkurrenten etwas voraus: Bei Italien sind nur die ersten zwölf, dreizehn Spieler wirklich stark, die Brasilianer haben überragende Einzelspieler, aber kein Team. Und den kleinen Unterschied zu den ebenfalls hochklassig besetzten Franzosen könnte die Leidenschaft ausmachen, mit der die Argentinier für ihr Volk spielen.

Der Weltmeister von 1978 und 1986 hat nur ein Problem: die eigene Überheblichkeit. Im Vorbereitungsspiel gegen den FC Tokio ließen es die Argentinier derart locker angehen, dass es lediglich zu einem blamablen 0:0 reichte.

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