Sport : Vorbild, Spiegelbild, Zerrbild

Nicht nur in Frankreich wird die Nation gerne am Zustand der Nationalelf gemessen. Das ist gefährlich. Weil es dem Fußball eine Bedeutung zuweist, die er nicht hat

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Alles ist schlecht.
Alles ist schlecht.Foto: AFP

Die Verbindung war so klar, so schön. „Ein Sieg im WM-Finale ändert nicht die soziale Realität, aber er kann das Selbstbild der Franzosen ändern“, schrieb die Zeitung „Libération“ im Sommer 1998 in einem Leitartikel. Zwei Tage zuvor war Frankreichs Nationalelf mit einem 3:0 im Endspiel gegen Brasilien Weltmeister geworden – das multikulturelle Nationalteam hatte sportlich überzeugt, jetzt musste es auch als Vorbild für ein ganzes Land dienen, als Motor der Integration, als Symbol für den Sieg der Vielfalt über die Intoleranz. Zwölf Jahre später, nach Frankreichs sportlichem und menschlichem Desaster bei der WM 2010, hatte sich die Bedeutung der Mannschaft ins Gegenteil gekehrt. „Wir wollen ein Frankreich, das wie unsere Nationalmannschaft ist, verhindern“, verkündete Regierungschef Nicolas Sarkozy. Vom Vorbild war das Team zum Zerrbild geworden.

Seit vor kurzem bekannt wurde, dass der französische Fußballverband offenbar plante, die Förderung arabischer und schwarzer Nachwuchsspieler zu beschränken, wird in Frankreich schärfer denn je diskutiert. Es geht um Rassismus, Identität, Staatsbürgerschaft, Mentalität, Religion, Kultur und am Rande auch um fußballerische Fähigkeiten. Das französische Beispiel zeigt, wie groß die Sehnsucht ist, die Hoffnungen und Errungenschaften eines Landes auf elf Männer in kurzen Hosen zu projizieren, genauso wie seine Fehler und Konflikte. Das ist gefährlich – nicht nur in Frankreich, sondern auch bei uns.

Es ist sicher richtig, dass der französische WM-Kader im vergangenen Sommer in Südafrika völlig zerstritten war. Die Zeitung „Le Monde“ wusste zu berichten, dass die Grenzen im Team entlang der Hautfarben und Religionen verliefen, die jeweils Grüppchen bildeten: „die Schwarzen von den Antillen, die Schwarzen aus Afrika, die Weißen, die Muslime, die Söldner im Ausland, die Spieler in französischen Klubs“. Aber heißt das auch, dass diese Bevölkerungsgruppen auf nationaler Ebene unüberbrückbare Differenzen haben? Daniel Cohn-Bendit, französischer Europaabgeordneter der Grünen, erkannte im Streit zwischen den Spielern und dem so exzentrischen wie hilflosen Trainer Raymond Domenech sofort eine „Krise der multikulturellen Gesellschaft. 1998 war Frankreich eine Gesellschaft, die zusammenfinden wollte. Heute ist sie eine völlig zerstrittene Gesellschaft, die auseinanderfällt“, sagte Cohn-Bendit der „taz“ im vergangenen Sommer. „Die Mannschaft spiegelt die Zerrissenheit, den Hass und den Neid dieser Gesellschaft.“ Wie ein den Medien zugespieltes Sitzungsprotokoll zeigt, zogen die französischen Fußball-Funktionäre jetzt aus dem WM-Turnier den Schluss, Nachwuchsspieler und Profis mit doppelter Nationalität seien problematisch. Nicht zuletzt, weil frühere Jugendnationalspieler wie Topstürmer Moussa Sow sich immer wieder gegen ihr Geburtsland Frankreich und für die Heimat ihrer Eltern entschieden – Sow spielt für das Nationalteam Senegals.

Vergleichbare Entscheidungen haben jahrelang auch deutsche Migrantenkinder mit fußballerischem Talent getroffen. Die Berliner Kovac-Brüder wählten die kroatische Nationalmannschaft, die Altintop-Zwillinge die Türkei. Zudem durften Funktionäre wie der ehemalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder orakeln, was aus der Bundesliga werden solle, „ wenn die Blonden über die Alpen ziehen und stattdessen die Polen, diese Furtoks und Lesniaks, spielen“. Diese Tage im deutschen Fußball sind glücklicherweise lange vorbei. Das leuchtendste Beispiel für das neue Selbstverständnis heißt Mesut Özil. Für den begabten gebürtigen Gelsenkirchener wurde nach seinen herausragenden Leistungen in Südafrika sogar flugs ein „Bambi für Integration“ erfunden. „Ein Mann mit deutschen und türkischen Wurzeln hat uns in diesem Sommer vorgeführt, wie leichtfüßig und selbstverständlich Integration vonstatten gehen kann“, sagte die Moderatorin Nazan Eckes in ihrer Laudatio. Tatsächlich? Eigentlich hatte Özil eher vorgeführt, wie leichtfüßig und selbstverständlich Doppelpässe und Volleyschüsse vonstatten gehen können. Und dass die Entscheidung des Mittelfeldspielers, für den DFB zu spielen, nicht bei allen auf Gegenliebe stieß, zeigten die Pfiffe vieler deutsch-türkischer Fans beim Länderspiel gegen die Türkei in Berlin.

Natürlich ist es ein Erfolg für den deutschen Fußball, wenn sich Migrantenkinder für das DFB-Trikot entscheiden. Selbstverständlich können Spieler wie Özil oder Sami Khedira ein Vorbild für andere sein und die Identifikation mit dem deutschen Staat erleichtern. Eine harmonische Fußballmannschaft bedingt jedoch keine harmonische Gesellschaft. Wenn sich Mesut Özil auf dem Platz gut mit Lukas Podolski und Toni Kroos versteht, heißt das nicht zwangsläufig, dass auch alle Deutsch-Türken, Deutsch-Polen und Deutsche ohne Migrationshintergrund im Alltag harmonieren. Auch wenn Fußball-Funktionäre diesen Zusammenhang gerne glauben und verbreiten. „Die deutsche Nationalmannschaft heute ist ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft. Es ist eine multikulturelle Gesellschaft, in der die Menschen miteinander leben, in der sich die Menschen wohlfühlen“, sagte beispielsweise der Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga, Christian Seifert, im Sommer 2010. „Also ist die deutsche Nationalmannschaft auch ein erfolgreiches Abbild eines ,neuen Deutschlands’.“ Heißt das im Umkehrschluss, Deutschland steht am Abgrund, wenn die Nationalelf bei der EM 2012 nicht die Vorrunde übersteht?

Französische Politiker nutzen die unflätigen Worte von Stürmer Nicolas Anelka gegen Domenech bei der WM, um die Spieler als „Gesindel“ abzutun und damit randalierenden Jugendlichen aus den Vorstädten gleichzustellen. Der dunkelhäutige ehemalige französische Nationalspieler und heutige TV-Experte Luc Sonor glaubt, in der aktuellen Debatte einen zweischneidigen Rassismus zu erkennen. „Wenn Frankreich eine gute WM gespielt hätte, hätten wir nie von diesem Thema geredet“, sagte Sonor kürzlich. „Wenn es gut läuft, sind wir (die schwarzen und arabischstämmigen Spieler) die Besten. Wenn es schlecht läuft, sind wir die Sündenböcke.“

Auch in dieser Hinsicht muss man vorsichtig sein, welche Klischees man verbreitet. „Spieler mit Eltern anderer Nationen bereichern uns“, sagt der deutsche Team-Manager Oliver Bierhoff. „Sie bringen andere Charaktere, anderen Spielwitz und eine andere Lebensphilosophie ein.“ Durch Aussagen wie diese wird der Glaube transportiert, die „neuen“ deutschen Nationalspieler seien grundsätzlich anders. Wer die Unterschiede im Guten betont, nimmt aber in Kauf, dass diese auch im Schlechten hervorgeholt werden. Und dass an Stammtischen über faule, undisziplinierte, unbeherrschte Südländer schwadroniert wird, wenn Fehler auf dem Rasen passieren.

Die Politik neigt dazu, die eigene Nationalmannschaft zu instrumentalisieren, sich mit ihr zu schmücken oder sie als abschreckendes Beispiel ins Feld zu führen. Frankreichs Sportministerin fordert jetzt die lückenlose Aufklärung der aktuellen Affäre. Herauskommen sollte dabei vor allen Dingen, dass die Nationalmannschaft Frankreich nicht heilen kann. Genauso wenig, wie sie den Untergang der Nation herbeiführen wird.

Mitarbeit: Matthias Sander

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