Sport : Vordrängeln beim Zahnarzt

Philipp Köster

Falls ich es nicht ohnehin schon mehrfach penetrant erwähnt habe: Mein Fußballherz pocht seit ungefähr 1982 für den ostwestfälischen Bundesligisten Arminia Bielefeld. Seit 24 Jahren also trage ich bereits ein mittelschweres Schicksal mit mir herum. Arminia ist nämlich ein sagenhaft erfolgloser Verein, in hundert Jahren Vereinsgeschichte kein einziger Titel, dafür unzählige Abstiege, plötzliche Trainerwechsel und handfeste Skandale.

Und weil das so ist, hat sich bei uns Arminen die Überzeugung festgesetzt, ständig von aller Welt übers Ohr gehauen zu werden. Ständig wittern wir geschickt eingefädelte Komplotte und Verschwörungen von DFB, CIA, UEFA und Schiedsrichter-Lehrwart Eugen Strigel. An Beweisen ist kein Mangel, jeder Bielefelder kann auswendig zehn Situationen der letzten Dekade referieren. Und wenn es nur ein nicht gegebener Freistoß an der Mittellinie in der Saison 1998/99 ist.

Nun aber das: Am 1. Spieltag war Arminia zu Gast beim Hamburger SV und wurde tatsächlich von Schiedsrichter Helmut Fleischer begünstigt. Der gab ein Tor für den HSV nicht, obwohl der Ball gefühlte drei Meter hinter der Linie war. Natürlich fanden wir das im ersten Moment super, weil wir sonst wahrscheinlich verloren hätten. Und trotzdem fühlten wir uns ein klein wenig unwohl in unserer Haut. Ungefähr so, wie wenn man ohne Termin zum Zahnarzt geht, dann aber vor der Dame drankommt, die seit einer Stunde auf die Behandlung ihrer eitrigen Zahnwurzel wartet.

Wir hätten also nichts dagegen, im Laufe der Saison noch mal dreist benachteiligt zu werden. Ein nicht gegebener Elfmeter, eine unberechtigte Rote Karte gegen uns – schon ist unser Selbstbild als ewig geknechterer Underdog wieder intakt. Sind halt doch alle gegen uns. CIA, DFB, UEFA und neuerdings auch LÖW.

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