Sport : Vorfahrt auf dem Wannsee

Jochen Schümann gewinnt vor 900 Zuschauern zum sechsten Mal das Berlin Match Race der Segler

Hartmut Moheit

Berlin - Plötzlich wurde es ganz laut auf dem Wannsee vor dem Zielboot. Kurz zuvor waren Jochen Schümann und Markus Wieser mit H-Booten im Millimeterabstand auf die Lee-Tonne zugesegelt, und keiner von beiden hatte bei der Umrundung nachgegeben. Wer hatte nun die Vorfahrt, wer das Reglement verletzt? Beide Segler riefen, ja, brüllten ihre Proteste heraus, die von den Schiedsrichtern in den nebenbei fahrenden Schlauchbooten sofort entschieden wurden: ein Strafkreisel für Schümann und zwei für Wieser. Den Vorteil ließ sich der Berliner Schümann vom Yachtclub Grünau nicht mehr nehmen. Damit war die Vorentscheidung beim 14. Berlin Match Race gefallen.

„Das hat Jochen ganz clever gemacht“, lobte auch sein früherer Trainer Bernd Dehmel diese Aktion. Schümann konnte dadurch im Halbfinale die Auftaktniederlage gegen den Bayern Wieser ausgleichen, der sich dann in der Best-of-three- Serie nicht noch einmal konzentrieren konnte. „Das stimmt“, bestätigte Schümann hinterher an Land, „das 2:1 im Halbfinale war wirklich ganz knapp.“ Dass der Sportdirektor der Schweizer Alinghi, die erstmals den America’s Cup nach Europa geholt hatte, dann auch noch tosenden Beifall auf offenem See bekam, war für ihn ein weiterer Höhepunkt. „So macht Segeln Spaß“, sagte er. Wann hatte es das schon einmal in dieser Sportart gegeben?

Das Berlin Match Race, vom Verein Seglerhaus am Wannsee und vom Berliner Yacht-Club glänzend organisiert, hat mit 900 Zuschauern für diese Sportart neue Maßstäbe gesetzt. Auf zwei proppenvollen Ausflugsdampfern verfolgte ein Großteil davon auch das zweite Halbfinale, vor dem sich der Schwede Björn Hansen total verrechnet hatte. Als Gewinner des so genannten Round Robin Nummer drei, in dem am Samstag die sechs Besten der Qualifikation jeder gegen jeden gesegelt waren, konnte er sich den Halbfinalgegner unter den drei Nächstplatzierten aussuchen. Hansen entschied sich für Michael Hestbaek aus Dänemark, den noch nicht so erfahrenen Match-Race-Segler. Doch Hestbaek, der Abgesandte des United Internet Team Germany beim America’s Cup, gewann sicher. Im kleinen Finale um Rang drei setzte sich dann der Schwede gegen Wieser sicher durch.

Bei besten Segelbedingungen mit Sonnenschein und mittlerem Wind hatten die Zuschauer somit ihr Traumfinale perfekt. Ein Hauch von America’s Cup wehte über den Wannsee: mit Jochen Schümann, Claudio Celou, Ives Detey als Vertreter der Alinghi sowie Michael Hestbaek, Jesper Feldt, Michael Müller von der deutschen Yacht. Der Veranstalter hatte diesmal ganz bewusst auf die Euphorie gesetzt, die vom Kampf um die älteste Segeltrophäe der Welt bereits wieder ausgeht. Zum einen basiert das auf der Leistung des deutschen Segel-Stars Jochen Schümann, der bei den bisher neun Vorregatten, den Louis Vuitton Acts, mit den Alinghi-Leuten meist wieder vorn war, zum anderen sorgt das deutsche Debüt mit dem United Internet Team Germany dafür, dass es diesmal ein noch größeres Interesse gibt.

Auch auf dem Wannsee, wo schwarze Streifen oder dunkle Flecken den erfahrenen Seglern die Windstellen signalisierten, ließ sich Schümann im Best-of-five- Finale nicht überraschen. Mit den Böen und drehenden Winden kam Schümann als erfahrener Match-Race-Segler am besten zurecht. Für Hestbaek, der 1999 noch Europameister in der olympischen 49er-Klasse war und darin sein Land auch 2000 in Sydney bei Olympia vertrat, fehlten diese speziellen Revierkenntnisse. Mit 3:0 setzte sich der deutsche Favorit durch und gewann damit zum sechsten Mal den Wanderpokal. „Es hat wieder großen Spaß in Berlin gemacht“, sagte der 51 Jahre alte Profi, der beim 14. Berlin Match Race nur drei Niederlagen hinnehmen musste. Die schmerzlichste davon war sicherlich im Round Robin Nummer drei gegen die Dänin Dorte Jensen, Olympiadritte im Yngling in Athen. Gegen Schümann war das der einzige Erfolg für Jensen in dieser Runde. „Wer verliert schon gern gegen eine Frau?“, sagte er dazu nur. Das kann Schümann mit der Alinghi- Crew auf dem Weg zur America’s-Cup- Verteidigung 2007nicht noch einmal passieren. Die Steuerleute auf den zwölf Yachten sind alles Männer. Markus Wieser ist nicht mehr unter ihnen, er wurde beim Team Germany ausgemustert. Diese Niederlage im Mai tat ihm viel mehr weh als die gestern auf dem Wannsee.

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