Sport : Vorfreude getrübt

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Von Jürgen Roos

Leipzig. „Das Turnfest wird in die Geschichte eingehen. Es werden wunderschöne Tage, dessen bin ich mir gewiss“, sagte Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee, der gestern bei einem Festakt im Leipziger Gewandhaus das 31. Deutsche Turnfest eröffnete. Die ganze Stadt sei im Turnfest-Fieber, meinte der Bürgermeister. In seiner Festansprache würdigte Bundesratspräsident Klaus Wowereit bereits im Vorfeld die Leistung der Stadt Leipzig und der Organisatoren. „Sie haben hohe Maßstäbe gesetzt“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister. Das nächste Turnfest findet 2005 in Berlin statt. Bis zum 25. Mai beteiligen sich 100000 Teilnehmer aus 4083 Vereinen und 53 Nationen an dem Ereignis in Leipzig. Es ist das erste Turnfest, das nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern stattfindet. Das Spektakel gilt als die größte Wettkampf- und Breitensportveranstaltung der Welt.

Doch in der vergangenen Woche war die Leipziger Vorfreude auf das Turnfest stark getrübt. Die deutschdeutsche Vergangenheit hatte den ausrichtenden Deutschen Turnerbund (DTB) mit Wucht eingeholt – und sein Präsident, der Schorndorfer Rainer Brechtken, hatte Mühe, die Fassung zu bewahren. „Ich fürchte, dass am Schluss nur noch über diese Sache berichtet wird", sagt er.

Die Sache begann mit einem Zeitungsbericht. In diesem wurde Volker Mattausch, der Generalsekretär des Turnfest-Organisationskomitees, als hochkarätiger Geheimdienstmann der ehemaligen DDR geoutet. Für den Nachrichtendienst der Armee soll Mattausch mit gefälschten Ausweisen zu Einsätzen nach Italien, Österreich und in die Bundesrepublik geschickt worden sein und unter anderem einen Bundeswehr-Angehörigen als Spion geworben haben.

Die Nachricht platzte mitten in die letzten Turnfestvorbereitungen, der DTB reagierte schnell und beurlaubte Mattausch, weil er diese Tätigkeit verheimlicht hatte. „Wir haben nicht lange gefackelt und innerhalb von fünf Minuten reagiert", sagt Brechtken, „das Vertrauensverhältnis ist zerrüttet." Über Mattausch habe man, so der DTB-Präsident, wie über alle anderen leitenden Turnfestmitarbeiter Auskünfte bei der Gauck-Behörde eingeholt. Von einer Unterwanderung durch Stasispitzel könne nicht die Rede sein, erklärte der DTB-Präsident.

Ulrich Baumann, ein Sportwissenschaftler aus Potsdam und gleichzeitig der Präsident des DTB-Landesverbandes Märkischer Turnerbund, sieht die Sache allerdings anders. Die systemnahen Leute von früher säßen jetzt in führenden Positionen und machten den großen Reibach, sagt Baumann. Als Ratgeber in Sachen Vergangenheitsbewältigung wollte ihn niemand anhören. „Das DTB-Präsidium hat Entscheidungen getroffen, ohne richtig nachzufragen", sagt Baumann, „Leute wie ich wurden immer nur als Meckerer angesehen."

Mit der Vergabe des Turnfests nach Leipzig wollten die DTB-Verantwortlichen zeigen, dass die Zeit reif sei, eine sportliche Großveranstaltung in die neuen Bundesländer zu geben. „Neues entdecken" lautet sinnigerweise das Motto von Leipzig. Jetzt müssen sie entdecken, dass im Bereich des Turnerbunds noch längst nicht alle Gräben überwunden sind. Der DTB-Präsident rät zu Behutsamkeit. „Wir können die Dinge nicht aus dem bequemen Sessel des Wessis heraus beurteilen", sagt Rainer Brechtken, der den Dingen nach dem Fest genau auf den Grund gehen möchte. „Es gibt nichts zu beschönigen, wegzureden oder zu verschweigen", so Brechtken, „die Konsequenz aus der Geschichte ist, dass wir absolute Offenheit brauchen."

Den Festcharakter sieht der DTB-Präsident für die Tage von Leipzig nicht gefährdet, schon gar nicht schwebe ein Schatten über der traditionsreichen Massenveranstaltung. Allerdings sagt Rainer Brechtken auch: „Alle meine vorbereiteten Reden habe ich gleich mal in den Papierkorb geworfen."

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