Sport : Vorletzte Chance

Für die deutschen Basketballer beginnt am Freitag eine richtungsweisende Europameisterschaft

Benedikt Voigt

Berlin - Der Sonderschullehrer Roland Geggus betreut in diesem Jahr eine Abschlussklasse, weshalb ihm in der nächsten Woche ein anstrengendes Programm bevorsteht. Am Montag wird der Präsident des Deutschen Basketball-Bundes (DBB) morgens gegen 2.30 Uhr in Vrsac in der Nähe der serbisch-rumänischen Grenze aufbrechen, rund 70 Kilometer nach Belgrad reisen und das erste Flugzeug nach Frankfurt nehmen, um rechtzeitig um 9.30 Uhr in Karlsruhe an einer Schule für Sehbehinderte das Fach „Wirtschaften, Verwalten und Recht“ zu unterrichten. Die Rückkehr zur Basketball-Europameisterschaft nach Belgrad plant er für Donnerstag oder Freitag. Dann beginnt die Hauptrunde der Europameisterschaft in Serbien-Montenegro. Geggus sagt: „Ich hoffe auf eine positive Entwicklung.“

Tatsächlich steht sein Verband vor einer richtungsweisenden EM. Vor zwei Jahren ist die Mannschaft um den NBA-Star Dirk Nowitzki bei der EM in Schweden als Favorit gestartet und überraschend in der Vorrunde im Überkreuzspiel an Italien gescheitert. Die Folge war der Rauswurf von Bundestrainer Henrik Dettmann. Inzwischen erledigt Dirk Bauermann diesen Job. Mit dem neuen Trainer muss sich zeigen, ob die Pleite von Norrköping ein Versehen war – oder der Anfang eines Leistungsabfalls. Dann wäre der Gewinn der Bronzemedaille bei der WM 2002 bereits der Höhepunkt der aktuellen Generation um Dirk Nowitzki gewesen. Der NBA-Spieler von den Dallas Mavericks will das verhindern. „Ich will eine Medaille und zur WM nach Japan, das wäre eine Riesensache“, sagt Nowitzki. Auch der Verband hat sich einen Platz unter den besten sechs Mannschaften als Ziel vorgenommen. Doch das wird schwer.

In einer von Verletzungen geprägten Vorbereitung hat das deutsche Team gegen die Mitfavoriten Griechenland (57:66, 81:91), Spanien (68:75), Italien (79:97) und Serbien-Montenegro (60:70) verloren. Zudem muss der Bundestrainer auf die verletzten Steffen Hamann, Stefano Garris und Ademola Okulaja verzichten. Aufbauspieler Mithat Demirel muss sogar angeschlagen nach Vrsac reisen.

Schon das erste Spiel am Freitag gegen den Olympiazweiten Italien (18 Uhr, live im DSF) ist unangenehm. „Diese Vorrundengruppe ist teuflisch, jeder kann jeden schlagen“, sagt Geggus. Gut möglich, dass das deutsche Team nach der Vorrunde der Gruppe A (Italien, Ukraine, Russland) auf Platz zwei oder drei landet. In diesem Fall müsste Geggus bereits am Dienstag wieder zurück nach Serbien-Montenegro reisen, um das entscheidende Überkreuzspiel um den Einzug in die Hauptrunde zu erleben. Die Türkei, Kroatien und Litauen sind mögliche Gegner für dieses Spiel. Teams, die zu den EM-Favoriten zählen.

Der DBB will zudem die Chance nutzen, seine Sportart wieder in der Öffentlichkeit zu positionieren. Zuletzt hatten die deutschen Basketballer durch die verpasste Qualifikation für die Olympischen Spiele 2004 gegenüber Handball an Popularität verloren.

Das Turnier ist die vorletzte Chance einer Generation, die seit 1999 nahezu unverändert zusammen spielt. Junge Wilde wurde sie einst genannt, inzwischen wird sie bei dieser EM das älteste Team stellen. Der DBB hat ein Nachwuchsproblem. „Bei den Griechen und den Italienern kommen ständig junge, athletische Spieler nach“, sagt Nowitzki, „aber seit ich für Deutschland spiele, sind es immer dieselben Spieler.“

Die letzte Chance, Erfolge zu feiern, wird die Nowitzki-Generation bei der EM 2007 in Spanien bekommen, bei der sie sich auch für die Olympischen Spiele in Peking qualifizieren kann. Zwar sagt Geggus: „Die meisten aus der aktuellen Mannschaft können noch bis 2012 spielen.“ Doch die wichtigsten Leistungsträger Dirk Nowitzki, Patrick Femerling und Ademola Okulaja dürften ihre Karriere im Nationalteam 2008 beenden. Die Zeit läuft.

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