Vorm Hertha-Spiel : Hoffenheim? War da was?

Es ist nicht viel geblieben von dem, was die TSG einst zum Schrecken der Liga machte. Am Sonnabend tritt der Klub bei Hertha BSC an.

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Wacklige Säule. Josip Simunic sollte Hoffenheims Defensive stabilisieren, der Kroate spielt diese Saison aber weitaus schwächer...ddp

Lange nichts mehr gehört von Tobias Weis. Scheinbar ewig zurück liegen die Erinnerungen an dieses kleine, flinke Bürschchen, das mal so passend wie kein anderer für das kleine Fußballwunder von Hoffenheim stand. Stieg da mit seinem Dorfverein in die Bundesliga auf, machte ein paar Spiele und gehörte auf einmal zum Kader der Nationalmannschaft. Einmal, es war in der Hinrunde der vergangenen Saison, da verstauchte sich Weis den großen Zeh, und weil es nur noch ein paar Stunden waren bis zu einem wichtigen Spiel, fuhr der Trainer Ralf Rangnick mit ihm auf einen Dorfplatz, er lieh sich bei einer Jugendmannschaft einen Ball und ließ den Spieler ein paar Schussübungen machen. Der Zeh hielt, Weis durfte spielen und gehörte zu den Besten.

Wie schnell doch so eine Saison vergeht. Die TSG Hoffenheim ist abgedriftet in den Alltag, und an keinem lässt sich diese Entwicklung so gut ablesen wie an Tobias Weis. Sein kräftezehrendes Spiel fordert Tribut, im Fußball äußert sich das meist über Verletzungen, gerade kuriert Weis die Folgen einer Knie-Operation aus, vielleicht zählt er im Spiel bei Hertha BSC erstmals in diesem Jahr zum Kader. „Wenn er fit ist, ist er eine Alternative für die erste Elf“, sagt Manager Jan Schindelmeiser und dass Weis natürlich Druck ausübe „auf die, die zuletzt gespielt haben“.

Das ist gut für Hoffenheim, denn die, die zuletzt gespielt haben, haben nicht besonders gut gespielt. In den sechs Rückrundenspielen kommt Hoffenheim auf einen Sieg, ein Unentschieden und vier Niederlagen. In der Tabelle bedeutet das Platz zehn. Niemand redet zurzeit über den Europapokal in Hoffenheim. „Das haben wir aber auch vor dieser Saison nicht getan“, sagt Schindelmeiser. „Auf Dauer ist das sicherlich nicht, aber wir waren nicht so vermessen zu glauben, als Vorjahresaufsteiger ganz vorn mitzuspielen.“ Die aktuellen Leistungen verhalten sich zu den in der jüngeren Vergangenheit ungefähr so, wie es auch in Berlin der Fall ist. Alles, was in der vergangenen Saison auf die Mannschaft zugeflogen war, fliegt jetzt in die andere Richtung.

Tobias Weis macht den Kollegen dort Konkurrenz, wo Hoffenheim die Spiele zu seinen besten Zeiten dominiert hat. Im Mittelfeld, wo Carlos Eduardo, Luiz Gustavo oder Tobias Weis permanent nach vorn jagten und den anderen die Lust und vor allem den Erfolg am taktisch orientierten Ergebnisfußball nahmen. Ralf Rangnick nannte das „gegen den Ball arbeiten“, und die Konkurrenz fragte sich angesichts der wie aufgezogen über den Platz rasenden Hoffenheimer, „was die wohl gegessen haben“. So hat es der Hamburger Joris Mathijsen mal formuliert.

Hoffenheim hat diesen Stil nicht durchgehalten und Tobias Weis erst recht nicht. Sechs Bundesligaspiele hat er in dieser Saison bestritten, kein einziges davon über 90 Minuten. Auch als Hoffenheim im vergangenen September im Hinspiel Hertha mit 5:1 aus dem Stadion und Lucien Favre von der Trainerbank schoss, weilte er nur unter den Zuschauern. In diesem Spiel vermittelte die Hoffenheimer Mannschaft noch einmal einen Eindruck von der Wucht, mit der sie im Sommer 2008 über die Bundesliga gekommen war. Als sie von Sieg zu Sieg und zur Herbstmeisterschaft eilten und Spieler wie Marvin Compper, Andreas Beck oder eben Tobias Weis plötzlich Nationalspieler wurden.

Hoffenheim hat vieles richtig gemacht, aber den Fußball nicht neu erfunden. Die Liga mag noch nicht immun sein gegen den badischen Powerfußball, aber sie hat sich an ihn gewöhnt. „Zurzeit sind wir leider weder physisch noch mental in der Lage, den Fußball der letzten Hinrunde zu spielen“, sagt Manager Schindelmeiser. Da sind zum einen die vielen Verletzungen, zum anderen mögen es die Ästheten nicht, wenn sie unter Druck gesetzt werden, wenn sie selbst früh angegriffen werden, wenn das Spiel schon in der eigenen Hälfte körperbetont geführt wird.

Zwar ist der Hoffenheimer Angriffsfußball noch immer schön anzuschauen, und Herthas Trainer Friedhelm Funkel warnt nicht zu Unrecht davor, „wie viele individuell hervorragende Spieler bei denen im Kader stehen“. Doch Ästhetik allein garantiert keinen Erfolg. Dafür bedarf es eines Gleichgewichts zwischen Arbeit und Kunst, und dieses Verhältnis scheint bei der TSG aus der Balance geraten zu sein. Spektakulärer Fußball hat seine prägenden Elemente in der Offensive, aber Meisterschaften werden nur mit funktionierender Defensive gewonnen. Das ist in Barcelona nicht anders, auch wenn dort die Abwehr um Carles Puyol, Rafael Marquez oder Gerard Piquet immer ein wenig im Schatten des kreativen Mittelfeld- und Angriffsspiels steht.

Hoffenheim aber hat in der Innenverteidigung keinen Marquez und keinen Piquet, sondern Nilsson, Compper und Simunic. Durchschnittskräfte die beiden Ersten, und Simunic bestätigt in Hoffenheim, was er in seiner Berliner Zeit gezeigt hat: dass er einem guten Jahr meist zwei schwächere folgen lässt. Der Australo-Kroate ist nicht der erhoffte Stabilitätsfaktor, für den Hoffenheim sieben Millionen Euro an Hertha überwies. Zuletzt, am Freitag beim 2:2 gegen Mönchengladbach, hatte Simunic Probleme, er wirkte behäbig im Spielaufbau und war einer der Schwächeren. Mit seiner Verpflichtung hat Hoffenheim die Berliner geschwächt, sich selbst aber nicht unbedingt verstärkt.

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