Sport : Vorsicht in der Traumwelt

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Von Helmut Schümann

Kobe. Als David Beckham vergangenen Montag als Privatier das „Wing Stadium" von Kobe betrat, wurde ihm anders. Plötzlich ging nichts mehr vor der Ehrentribüne, auf der die VIPs und David Beckham Platz nehmen wollten, um das Achtelfinale zwischen Brasilien und Belgien zu beobachten. Tausende drängten sich, um Beckham zu sehen, Beckham zu fotografieren, Beckham zu fühlen. Der Brite Beckham genießt in Japan den Status eines Nebenbuddhas. „David, David!", schrien Tausende, „look here, look here!" Sehr schön das alles für Englands Star, weniger schön war, dass all die Tausenden gelbe Hemden anhatten. Gelbe Leibchen, wie die brasilianische Mannschaft.

Denn Brasilien ist der Hit, auch bei dieser Weltmeisterschaft, auch in Japan. Etwa 41 950 der 42 000 Zuschauer im Stadion von Kobe waren auf Seiten der Brasilianer, stellten das zur Schau in den Farben der Selecao und feierten am Ende den unverdienten und glücklichen Einzug ihrer Lieblinge ins Viertelfinale. Dort treffen sie am Freitag in Shizuoka (8 Uhr 30, Premiere) auf England, auf David Beckham, den Nebenbuddha.

Brasil, Brasil, das ist immer noch das Maß aller fußballerischen Dinge. In Hamamatsu kommt es regelmäßig zu tumultartigen Aufläufen, wenn die Stars das Grand Hotel verlassen, um zum Training ins Honda-Stadion zu fahren. Dort begehrten auch gestern Hundertschaften japanischer Fans im Regen Einlass und freie Sicht auf die Fußball-Götter: „Macht das Tor auf."

Doch das Tor bleibt zu fürs Publikum, öffnet sich nur für 15 Minuten den Medienvertretern, zu hören ist allerdings für die Ausgeschlossenen, wie Trainer Luiz Felipe Scolari per Trillerpfeife zum Beispiel Herrn Ronaldo Luiz Nazario de Lima herumkommandiert. Der, besser bekannt unter seinem Kürzel Ronaldo, lässt das gerne mit sich machen – unter Scolari gelangte der labile Wundermann zu neuer Blüte. „Setzt Geld auf mich, ihr werdet Millionäre", hatte Ronaldo vor dem Turnier gesagt. Jetzt führt er zusammen mit dem Kaiserslauterer Miroslav Klose die Torschützenliste an – und wenn man ihm zuschaut im Training, wie er den Ball annimmt, mit der Brust, dem Knie, der Hacke, und wie er ihn weiterleitet, meistens ins Tor, mit der Brust, dem Knie, der Hacke, dem Kopf – dann möchte man sich schon verfluchen, weil man kein Geld gesetzt hat.

Doch das ist nur die eine Seite der Brasilianer, die wunderbare, die Traumwelt, in die Ronaldo, Rivaldo und Ronaldinho einladen. Die andere Seite steht hinten im Team. Das ist die Welt von Torwart Marcos, der, mit Ausnahme des Spiels gegen Belgien, ist, was die meisten brasilianischen Torhüter waren: verzichtbar. Und das ist die Welt von Lucio, der sich müht und ackert, aber leider nicht die zuverlässigen Mitspieler hat, die er von Bayer Leverkusens Abwehrblock gewohnt ist. Das ist eine sehr fragile Welt, schon Costa Rica in der Vorrunde und zuletzt die Belgier haben vorgeführt, wie brüchig Brasiliens Abwehr ist. Das liegt auch daran, dass Roberto Carlos nur nominell ein Linksverteidiger ist, faktisch turnt er meist im offensiven Mittelfeld herum, gerne auch als Linksaußen.

Daran hat auch Scolari nichts ändern können, obwohl er doch so viel Wert auf Disziplin und die realen Dinge des Fußballs wie Kämpfen und Grätschen legt. Nahezu täglich wird er dafür von der Heimat aus beschimpft, die ihm verliehenen Bein „General" und „Feldwebel" sind genau keine Ehrenbezeugungen. Es war zwar etwas ruhiger geworden, nachdem die Brasilianer sich ohne viel Aufhebens der Vorrunde entledigt hatten, aber dass sie nun schnurstracks zum fünften Titel marschieren, mag auch keiner recht glauben. Der Schreck, den ihnen die Belgier im Viertelfinale bereiteten, sitzt auch am Tag vor dem Viertelfinale noch tief.

Großmäulig geben sie sich dennoch. Ausgerechnet Marcos, der Torwart, behauptet, dass England gute Spieler habe, „aber die härtesten Schüsse muss ich im Training abwehren". In Wahrheit ist es aber so, dass er die Bälle nicht abwehrt, sondern aus dem Netz klaubt. Und Ronaldinho, der so wunderschöne Sachen mit dem Ball machen kann, sich aber so oft dabei auch verzettelt, gibt sich von frohem Gemüt: „England macht uns keine Sorgen. Wir haben bessere Spieler als Beckham und Owen." Dass sie aber ständig die Historie bemühen, dass sie hinweisen auf die Bilanz der WM-Treffen beider Teams (da steht aus dem Jahr 1958 ein 0:0, aus 1962 ein 2:1-Sieg und von 1970 ein 1:0), das spricht nicht für den sorgenfreien Blick.

Rivaldo war es, der am Ende des Trainings im Regen von Hamamatsu und nach etlichen Zauberkunststücken den Weg in die Realität zurück fand: „Wir müssen als Team noch besser arbeiten." Auch in der Traumwelt ist manchmal Vorsicht angeraten.

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