Sport : Vorsprung verspielt

Alle deutschen Klubs scheiden in der Handball-Champions-League aus – obwohl die Bundesliga als stärkste Liga der Welt gilt

Erik Eggers[Köln]

Eine Sekunde nur fehlte zu einer sportlichen Sensation. 22:36 hatte die SG Flensburg-Handewitt im Viertelfinal-Hinspiel in der Handball-Champions-League gegen HB Montpellier verloren, als völlig aussichtslos betrachteten die Experten nach dem „schlechtesten Spiel der letzten Jahre“ (Flensburgs Manager Thorsten Storm) die Chancen auf ein Weiterkommen. Doch sollte sich das Rückspiel am Sonntagnachmittag zu einem Drama entwickeln: Als Christian Berge eine Minute vor Spielende das 32:18 erzielte, feierten in der Flensburger Campushalle 6000 Fans bereits die wundersame Wende. Der Klub stand in der nächsten Runde, aufgrund der mehr erzielten Auswärtstreffer – bis eine Spielsekunde vor Schluss. Aus spitzem Winkel traf der französische Nationalrechtsaußen Jacques Anquetil mit einem Freiwurf in der letzten Sekunde, und das Publikum in Flensburg verstummte.

Das Ausscheiden fügte sich freilich in das Bild, das der deutsche Vereins-Handball in der Champions League abgegeben hat. Denn neben Flensburg sind auch die beiden anderen deutschen Vertreter ausgeschieden. Der THW Kiel ist bereits zum vierten Mal am Angstgegner CF Barcelona gescheitert; wie Flensburg fehlte dem zehnmaligen Deutschen Meister nach dem 27:33 nur ein Tor für den Einzug ins Semifinale. Der TBV Lemgo hingegen musste sich zweimal deutlich dem slowenischen Spitzenklub Pivovarna Celje geschlagen geben, nach dem 29:33 im Hinspiel verloren die Ostwestfalen auch beim Titelverteidiger 30:35. Da auch der HSV Hamburg in der Pokalsieger-Konkurrenz an Ademar Leon (Spanien) scheiterte, stehen diese aktuellen Ergebnisse in krassem Widerspruch zur oft wiederholten These, bei der deutschen Handball-Bundesliga handele es sich um „die stärkste Liga der Welt“.

Die Fakten sprechen jedenfalls eine deutliche Sprache: In den vergangenen 20 Jahren hat mit dem SC Magdeburg (2002) lediglich ein deutscher Klub den wichtigsten europäischen Vereinstitel gewonnen, zuletzt haben ihn Spitzenklubs aus Spanien (Barcelona, San Antonio), Slowenien (Celje) und Frankreich (Montpellier) gewonnen. Schlittert der Vereinshandball im Land des aktuellen Europameisters in eine Krise?

Die verantwortlichen Manager und Trainer sehen das nicht so und relativieren die Ergebnisse. „Die Liga ist besser, als sie sich jetzt präsentiert hat“, sagt Volker Mudrow, Trainer des TBV Lemgo, „es ging doch nur um Kleinigkeiten.“ Auch Uwe Schwenker pflichtet ihm bei: „Wir sind immer noch die beste Liga der Welt“, sagt der Manager des THW Kiel. Zwar hätten die ersten vier, fünf Klubs der spanischen ersten Liga derzeit „einen kleinen Vorsprung“ gegenüber den deutschen Topadressen, „doch dafür ist die Bundesliga in der Breite viel besser“. Die Argumente, die Schwenker nennt, sind nachvollziehbar: Nicht nur, dass der THW Kiel in der Bundesliga drei seiner sechs Minuspunkte gegen den Tabellenneunten FA Göppingen kassierte. Auch stellte die Liga mit dem THW Kiel (2000) und der SG Flensburg (2004) neben dem SC Magdeburg in den vergangenen fünf Jahren zwei weitere Champions-League-Finalisten. Zudem gelangten mit dem VfL Gummersbach, TuSEM Essen und dem SC Magdeburg drei deutsche Klubs in das Halbfinale des sportlich freilich weniger anspruchsvollen EHF-Pokals, dem handballerischen Pendant des Uefa-Pokals.

Dort kann also nur noch der russische Klub Dynamo Astrachan einen deutschen Titel auf europäischer Ebene verhindern. Immerhin.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben