Sport : Vorstellbare Wahrheit

Mathias Klappenbach

Jef d’Hont gehört zur alten Zeit, in der im Radsport noch mit Amphetaminen gedopt wurde. Als in den neunziger Jahren Blutdoping mit Epo in Mode kam, hat er das schon nicht mehr alles verstanden, sein altbewährter „Zaubertrank“ aus Medikamenten und Koffein war bei den Fahrern ohnehin schon nicht mehr gefragt. Insofern steht der ehemalige Betreuer des Teams Telekom für eine vergangene Epoche. Dennoch reichen die Anschuldigungen, die d’Hont in seinem heute erscheinenden Enthüllungsbuch erhebt, in die Aktualität hinein.

Das angebliche systematische Doping beim deutschen Vorzeigerennstall, an dem bis 1996 auch Toursieger Bjarne Riis und der zweitplatzierte Jan Ullrich beteiligt gewesen seien, ist laut d’Hont von den Ärzten organisiert worden, die immer noch die Mannschaften betreuen. Falls diese Behauptungen – für die er keine Beweise hat – stimmen, sind sie ein anschaulicher Beleg dafür, welche Kontinuität im System herrscht. Falls sie nicht stimmen, kann man zumindest an der aufgescheuchten Reaktion im Radsport erkennen, welche Angst vor Enthüllungen besteht, die sich belegen lassen.

Selbst wenn d’Hont sich nur wichtig machen und sein Enthüllungsbuch verkaufen will oder es ihm um Rache am ehemaligen Teamchef Walter Godefroot geht, der versprochenes Schweigegeld schuldig geblieben sein soll, ist sein Buch wichtig. Denn es geht gar nicht darum, ob die Details stimmen oder Einzelne schuldig sind. Es geht darum, dass alles so gewesen sein kann.

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