Sport : Vorteil Bayern

Van Bommels spätes Tor zum 2:3 bei Real Madrid lässt die Münchner auf ein Weiterkommen hoffen

Sven Goldmann[Madrid]

Mehmet Scholl soll es richten. Elf Minuten vor Schluss, als Real Madrid seinen 3:1-Vorsprung nur noch verwaltet, die spanischen Fans schon vom Einzug ins Viertelfinale der Champions League träumen und die Bayern verzweifelt nach vorn rennen – elf Minuten vor Schluss also wechselt Trainer Ottmar Hitzfeld seinen Mann für die besonderen Momente ein. Mehmet Scholl hat keine Kraft mehr für 90 Minuten, aber für ein, zwei gute Szenen reicht es noch immer. An diesem Dienstagabend im Estadio Santiago Bernabeu ist es eine Flanke auf Claudio Pizarro. 87 Minuten und 52 Sekunden sind gespielt. Reals kahlköpfiger Verteidiger Raul Bravo ist schneller am Ball, er köpft ihn nach vorn, einfach nur raus aus dem Strafraum, doch dort, zwei Meter hinter dem Kreidestrich, steht Mark van Bommel. Der Holländer stoppt den Ball mit der Brust, lässt ihn kurz auftropfen und wuchtet ihn dann mit dem rechten Fuß ins linke Eck. Nur noch 3:2 für Real. Es wird still im Stadion.

Und dann gleich wieder laut, denn van Bommel jubelt nicht gerade wie ein Gentleman. Er schlägt die linke Hand in die rechte Armbeuge und lässt die Faust nach oben schnellen, und das direkt vor den Real-Fans, die auf der Tribüne hinter dem Tor noch den späten Schlag verarbeiten. „Fuck you“, sagt man dazu in Amerika, die Spanier umschreiben es höflich mit „cortes de manga“, was man mit dem Wörterbuch als „abgeschnittener Ärmel“ übersetzen könnte, aber eigentlich gar nicht übersetzen kann. Die „cortes de manga“ gilt jedenfalls als tödliche Beleidigung. Das Sportblatt „Marca“ widmet dem Benehmen des Gastes aus München die ersten drei Seiten seiner Mittwochausgabe und tischt dabei Geschichten auf, die zurückreichen in die Zeit von Klaus Augenthaler und Jean-Marie Pfaff. Real kündigt noch in der Nacht zu Mittwoch eine offizielle Beschwerde bei der Uefa-Disziplinarkommission über „diese nicht zu tolerierende Geste“ an. Die Reaktion von der Uefa kommt prompt. Sie teilte gestern Abend mit, dass eine Untersuchung wegen unsportlichen Verhaltens gegen van Bommel eingeleitet wird. Dem Bayern-Profi droht eine Sperre.

Real Madrid ist offenbar leicht zu provozieren in diesen Tagen der Krise. Doch was ist schon normal in einem Spiel, in dem die Bayern eine Halbzeit lang vorgeführt werden und bei einem 1:3-Rückstand schon das Aus in der Champions League vor Augen haben. Ottmar Hitzfeld sitzt mit rotem Kopf in den Katakomben des Bernabeu und erzählt, wie „ich die Mannschaft in der Pause nach vorn gepeitscht habe. Die dachten ja schon, alles wäre vorbei, aber ich habe ihnen gesagt, dass man ganz leicht mal zwei Tore in ein paar Minuten schießen kann“. Hitzfeld denkt zurück an 1999, an das Estadio Nou Camp von Barcelona und die beiden späten Tore von Manchester United im Champions-League-Finale gegen die Bayern. Diesmal ist das späte Glück auf seiner Seite. Schon ein 1:0 im Rückspiel würde reichen für den Einzug ins Viertelfinale. Aus psychologischer Sicht endet das Gipfeltreffen der beiden krisengeschüttelten Großmächte mit einem Erfolg für die Bayern. Erst ein Schritt zurück, dann einen nach vorn, „so ist es mir lieber als andersherum“, sagt Hitzfeld und referiert über das fragile Gebilde des Münchner Selbstbewusstseins, über die seltsamen Prozesse, die im Kopf eines Fußballspielers ablaufen und die man Außenstehenden schlecht erklären könne.

Sein Kollege Fabio Capello versucht es mit einem Exkurs zum Tennis, da gewinne auch nicht der bessere, sondern wer seine Nerven besser im Griff habe, „es kann vorkommen, dass einer gut spielt, aber plötzlich wird sein Arm schwer und er hat Angst, den nächsten Punkt zu machen“. Das ist interessant gedacht und erklärt doch nicht, warum Real nach einer furiosen ersten Halbzeit das Fußballspielen weitgehend einstellte. „Das ist die Angst, denn wir haben zuletzt im Bernabeu nicht besonders gut gespielt“, sagt Capello. Angst vor dem Gewinnen, mit einem 3:1 im Rücken? Der italienische Fußballlehrer spricht in Rätseln.

Fabio Capellos Situation ähnelt der von Ottmar Hitzfeld und ist doch völlig anders. Wie der Münchner ist er ein Trainer auf Zeit, aber während Hitzfeld bei den Bayern problemlos noch ein Jahr dranhängen könnte, wenn er denn nur wollte, will Real seinen Trainer lieber heute als morgen loswerden. Capello wirkt angespannt, er mag die ständigen Fragen nach seinem angeblich am Montagabend angedrohten Rücktritt nicht mehr hören: „Dazu sage ich nichts.“ Dass sein Lieblingsschüler Emerson gegen die Bayern 90 Minuten auf der Bank saß, wird in Madrid als erster Schritt zur Entmachtung des Trainers gewertet. Der langsame Brasilianer Emerson steht mit seinen Sicherheitspässen als Symbol für den langweiligen Stil, den Real unter Capello pflegt. Angeblich haben Reals Sportdirektor Pedrag Mijatovic und Präsident Ramon Calderon Einfluss auf die Aufstellung genommen. Seinen daraufhin angedrohten Rücktritt habe Capello erst zurückgenommen, als ihm klar wurde, dass er in diesem Fall auf seine auf 15 Millionen Euro taxierte Abfindung verzichten müsse. „Das stimmt nicht“, sagt Capello. Und würden Sie zurücktreten für den Fall, dass man Ihnen in die Aufstellung hineinredet? „Diese Frage möchte ich nicht beantworten.“

Auf dem Rasen sah es so aus, als hätten die Bayern die schwelende Unruhe beim Gegner gespürt, als sie in der letzten halben Stunde das Tempo forcierten. Für Hitzfeld war es „nur noch eine Frage der Zeit, bis wir das zweite Tor schießen“. Dass es der eingewechselte Scholl vorbereitete, war eine von vielen Anekdoten in dieser Nacht von Bernabeu, genauso wie die „cortes de manga“ des Mark van Bommel. Der entschuldigt sich später in den Katakomben: „Das war nicht okay, aber es waren so viele Emotionen im Spiel.“ Beim Rückspiel in zwei Wochen wird es kaum anders sein. Oliver Kahn verspricht Real schon mal: „Die Allianz-Arena wird kochen. Wenn wir ein frühes Tor schießen, kann es ein sensationelles Spiel werden!“

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