Sport : Vorurteile statt Fortschritte

Bei der Fußball-Europameisterschaft der Frauen gibt es Diskussionen um das enttäuschende spielerische Niveau und leere Zuschauerränge

Andreas Morbach[Preston]

Edward Poulter ist Fußballfan und wohnt in London. In seiner Wohnung im Zentrum der Stadt hat er am vergangenen Sonntag Fernsehen geschaut. Fußball. Frauenfußball: England gegen Finnland, das Eröffnungsspiel der Europameisterschaft. Der Leserbrief, den er nach Abpfiff verfasst und an das frauenfußballfreundliche Blättchen „Metro“ geschickt hat, lässt aber vermuten, dass Edward Poulter so etwas so bald nicht mehr machen wird. Der Ball sei häufiger in der Luft oder im Aus gewesen als auf dem Platz, schrieb der erboste Mann über das „unglaublich schlechte Niveau“ der Partie und ätzte: „Ein Länderspiel mit den Jungs von der U 14 wäre unterhaltsamer gewesen.“

Ein klassischer Fall von: Vorurteil bestätigt. Meint zumindest Jennifer O’Neill, Redakteurin bei der Frauenfußball-Zeitschrift „Fair Game Magazine“. Zwar sei dies bislang „das mit Abstand schlechteste Spiel bei dieser EM“ gewesen, urteilt O’Neill am Ende der Vorrunde, die heute mit den Partien Deutschland gegen Frankreich (16 Uhr, live auf Eurosport) und Norwegen gegen Italien ausklingt. „Aber schaut man sich 20 Fußballspiele von Männern an, sind auch zehn schlechte darunter.“ Trotzdem, über das eher mäßige Niveau bei der Frauen-EM in Englands Nordwesten haben sich auch einige der Hauptpersonen ernüchtert geäußert. Der dänische Coach Peter Bonde etwa schämte sich regelrecht für den 2:1-Sieg seines Teams gegen die Gastgeberinnen. „Das war eines der übelsten Spiele, die wir überhaupt jemals gemacht haben.“

Das schwache Niveau scheint sich auch auf den meist leeren Rängen der Stadien widerzuspiegeln. Abgesehen von den Auftritten der englischen Mannschaft – zum Spiel gegen Finnland kamen 29 092 Besucher – hält sich der Zuschauerzuspruch in Grenzen. „Bei unserem Turnier vor vier Jahren waren die Stadien besser besucht“, erinnert sich die künftige Bundestrainerin Silvia Neid. „Im Fernsehen kam das damals gut rüber, hier ist das leider nicht so. Da sitzt man zu Hause auf der Couch und denkt sich: Und das soll eine EM sein?“ Das sportliche Niveau in England verteidigt die 41-Jährige dagegen. „Die Mannschaften sind nicht schlechter, sondern besser und vor allem fitter geworden.“ Von allen Teams lässt sich das aber nicht behaupten: Die Italienerinnen spielen hart und harmlos. Und während sich die deutlichen Fortschritte bei Nationen wie Frankreich, Finnland und Dänemark im Turnier feststellen lassen, war Tina Theune-Meyer nach dem Anblick der Schwedinnen, den Kontrahentinnen der DFB-Auswahl im WM-Finale 2003, doch einigermaßen erschüttert. Die Bundestrainerin sagte nach dem 0:0 des Vizeweltmeisters gegen Finnland: „Verbessert haben die sich in den letzten Jahren auf jeden Fall nicht.“

Verbesserungswürdig fand das eigene Spiel auch Favorit Deutschland. Nach dem ersten Sieg gegen Norwegen (1:0) sehr, nach dem zweiten Erfolg gegen Italien (4:0) noch ein bisschen. „Wir sind jetzt gut im Turnier“, sagte Silvia Neid vor dem abschließenden Gruppenspiel gegen Frankreich. „Und diesen Rhythmus wollen wir beibehalten.“ Es klang wie eine Drohung an die übrigen Mannschaften.

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