Vorwärts immer : Deutsche Schwimmer denken positiv

Nach dem Debakel am ersten Wettkampftag analysieren die Deutschen Schwimmer in einer Teamsitzung ihre taktischen Mängel. Sportdirektor Lutz Buschkow verspricht: "So einen Fehler macht man nur einmal."

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Startschuss, der zweite. Die deutschen Schwimmer um Britta Steffen (r.) wollen den schwachen ersten Tag so schnell wie möglich vergessen.
Startschuss, der zweite. Die deutschen Schwimmer um Britta Steffen (r.) wollen den schwachen ersten Tag so schnell wie möglich...Foto: dapd

Paul Biedermann starrte an die Wand, über all die Köpfe hinweg, die vor ihm standen. Ab und zu nippte er an einer Mineralwasserflasche, er wirkte ziemlich gelassen. An der Wand hing ein Flachbildschirm, Biedermann verfolgte gerade das zweite Halbfinale über 200 Meter Freistil. Er wartete auf die Zeiten der anderen. Aber als sie eingeblendet wurden, registrierte er sie eher beiläufig. Für ihn hatten die Resultate kaum Bedeutung. Er hatte seinen Platz im Finale heute Abend (20.40 Uhr) sicher. Der Weltrekordler hatte das erste Halbfinale in 1:46,10 Minuten gewonnen, eine solide Vorstellung. Ab 150 Metern lag er in Führung, er brachte den Vorsprung problemlos bis an die Wand.

Nach dem Rennen sagte er hörbar erleichtert: „Ich konnte mich aus der Starre lösen und zum Glück Kraft sammeln. Ich habe mich zwei Schritte von der Wand gelöst.“

In die Starre war er nach dem blamablen Vorlauf-Aus über 400 Meter Freistil gefallen. Und mit den Schritten meinte er den Vorlauf und das Halbfinale über 200 Meter Freistil. Der erste Schritt war aber mehr ein Tippelschrittchen. Auf den letzten Metern im Vorlauf prügelte er sich regelrecht durchs Wasser. Nach 1:47,27 Minuten war er erlöst.

Aber so fühlte er sich nicht wirklich. Nach dem Vorlauf stand er auch am Fernseher, aber da hatte er den Kopf zwischen die Schultern gezogen. Die Körpersprache eines Zweifelnden. Die Nacht, sagte der 25-Jährige, habe er „ruhig und entspannt verbracht und ohne Skandale“. Man darf daraus schließen, dass er nicht heimlich in einem Pub in der Innenstadt verschwunden ist, um seinen Frust zu ertränken.

Video: 16-Jährige schwimmt Weltrekord

Vom Finale über 400 Meter Freistil hatte ihn nur die Zeit interessiert. Das Rennen hatte er gar nicht verfolgt, nur die Zeit hatte nachgeschaut. Sein Weltrekord steht noch, „aber das ist ein schwacher Trost“.

Immerhin, „die Mannschaft hat den Ernst der Lage erkannt“. Und sie wolle darauf reagieren. Das verkündete Lutz Buschkow, der Sportdirektor des Deutschen Schwimmverbands (DSV), gestern nach den Vorläufen. Am Samstagabend hatte sich das Team zu einer Sitzung getroffen, da wurden auch die taktischen Mängel analysiert, die zur Vorlauf-Pleite der 4x100-Meter-Freistil-Staffel der Frauen geführt hatten. Das deutsche Quartett hatte damit gerechnet, dass es auch ohne vollen Einsatz ins Finale kommt. Für den Endlauf sollten die Kräfte geschont werden. Dummerweise haben sich die Vier um Britta Steffen mit diesem Plan verzockt.

Der Höhepunkt gestern Abend war die 4x100-Meter-Freistilstaffel der Männer. In einem dramatischen Finale konnte Frankreichs Schlussschwimmer Yannick Agnel noch den US-Amerikaner Ryan Lochte abfangen. Damit nahmen die Franzosen Rache für ihre Niederlage bei den Olympischen Spielen 2008. Damals hatten die USA Frankreich noch auf den letzten Zentimetern abgefangen. Russland gewann Bronze. Die deutsche Staffel präsentierte sich gut. Mit 3:13,52 Minuten belegte sie den sechsten Platz, verpasste ihren Rekord nur um eine Hundertstelsekunde. Den deutschen Rekord hatte sie erst am Morgen im Vorlauf aufgestellt.

Auch Helge Meeuw enttäuschte gestern Abend nicht, er steht heute im Finale über 100 Meter Rücken. In seinem Halbfinale hatte er nach 53,52 Sekunden angeschlagen. Jan-Philip Glania dagegen schied aus (53,90). Und auch Sarah Poewe verpasste gestern Abend das Finale über 100 Meter Brust. Aber vielleicht hatte sie einfach nicht den Ernst der Lage erkannt und deshalb nicht reagiert. Jemand hatte sie nach ihrem Vorlauf nach der Stimmung wegen des schlechten Auftakts gefragt. „Schlechter Auftakt?“, fragte Poewe zurück. „Welcher schlechte Auftakt?“

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