Sport : Vorwärts in die Achtziger

Beim HSV wird vor dem Spiel gegen die Bayern an große Zeiten erinnert

Morten Holm[Hamburg]

Sylvie Meis hat ihren Platz in Hamburg erstaunlich schnell gefunden. Sie ist nach vorn gerückt, vom Sport ins Vermischte der fünf örtlichen Tageszeitungen. Wenn Schecks übergeben oder Preise verliehen werden, sieht man ihr strahlendes Lächeln an der Seite der Berühmtheiten der Stadt. Solch eine glamouröse Spielerfrau gab es noch nie in Hamburg. Beim HSV freut man sich drüber: Ihr Glanz strahlt auf den Verein ab, auf einen Klub, der in den vergangenen Jahren so matt erschien wie die Alster bei Schmuddelwetter. Nun wird auch in der feinen Gesellschaft Hamburgs wieder vom HSV gesprochen.

Dass Frau Meis, die seit ihrer Hochzeit den Nachnamen des holländischen Nationalspieler Rafael van der Vaart trägt, ihren Platz außerhalb des Sports gefunden hat, liegt an den außerordentlichen Leistungen ihres Mannes. Der wurde zunächst nur als der Bubi an der Seite eines älteren Models wahrgenommen, als niederländischer Beckham, und in keiner Geschichte über ihn durfte ein Bild seiner Frau fehlen. Er wirkte grau in ihrem Schatten. Van der Vaart selbst hat die ihm aus Holland bekannte Rollenverteilung nie gestört. Deshalb empfand er es auch nicht als schlimm, dass es seit seiner Verpflichtung fast vier Monate gedauert hat, bis der 22 Jahre alte Ausnahmespieler des HSV sich in der öffentlichen Wahrnehmung von seiner Frau hat abnabeln können. Dank seiner Leistungen liegen die Hamburger auf Rang zwei der Bundesliga. An diesem Samstag spielt der HSV als letzter Verfolger gegen den unantastbaren FC Bayern München.

In der Stadt wird deshalb auffallend oft an den 24.April 1982 erinnert. Damals schlug der HSV die Bayern durch ein Kopfballtor vor Horst Hrubesch in letzter Minute 4:3 und wurde anschließend Deutscher Meister. Dass nun wieder an die magischen Momente der Vergangenheit erinnert wird, zeigt, dass die Stadt ihrem Klub nach Jahren des Mittelmaßes wieder traut. Niemand kann die Begeisterung noch in geregelte Bahnen lenken, nicht einmal jedermanns Liebling, der Trainer Thomas Doll, der immer wieder sagt: „Das ist nur eine Momentaufnahme.“

In Hamburg ist im Fußball alles immer größer als die Wirklichkeit, der Erfolg ebenso wie der Misserfolg. So wurde hier vor den Spielen beim VfB Stuttgart, gegen die Bayern und am Donnerstag im Uefa- Cup beim FC Kopenhagen von der Woche der Wahrheit gesprochen; mancher hatte die Negativgeschichte über Doll schon in der Schublade. Sie wird schnell zur Lobeshymne umgedichtet werden, sollte der HSV die Bayern besiegen und sich in der dänischen Hauptstadt für die Gruppenphase des Uefa- Cups qualifizieren.

Selbst wenn nicht: Die wirtschaftlichen Kennzahlen des HSV sind besser denn je, in Umfragen zur Beliebtheit erreicht der Klub nie gekannte Höhen. Der HSV hat in Boulahrouz und van Buyten, in van der Vaart und Barbarez in jedem Mannschaftsteil herausragende Spieler. Hinzu kommen neue Lieblinge wie Atouba, alte Aufblühende wie Beinlich und Jarolim und Hoffnungsträger wie Lauth. Das Gerüst für ein Spitzenteam steht. Es ist eine junge Mannschaft mit Hierarchie. Jetzt muss sie nur noch etwas unabhängiger von den Ergebnissen werden. Das ist der schwierigste Schritt auf dem Weg nach oben – dass nicht nach jedem Spiel ein Fazit gezogen wird. Dass man dem HSV zutraut, auch eine Schwächephase zu verkraften. Dass die Kritiker im viel zu großen Aufsichtsrat den Mund halten.

Bei manchen funktionieren die alten Reflexe immer noch. Die Stadionregie kann es nicht lassen, groß auf Sylvie van der Vaart zu zoomen, wenn sie hübsch herausgeputzt in der Vip-Loge sitzt. Und für die Kollegen von der ARD-Sportschau ist sie der Farbtupfer in jedem Spielbericht. Sehr originell.

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