Sport : Vorwärts in die Vergangenheit Warum Rostocks Trainer Veh nach Augsburg ging

Daniel Pontzen[Augsburg]

Die Ansprüche sind hoch in Augsburg. „Als Kaufmann kann man seine Planung nicht mit der Zweiten Liga abschließen“, hat Markus Krapf kürzlich gesagt. Krapf ist Geschäftsführer beim Regionalligisten FC Augsburg, und er bringt wie alle, die in dem Verein etwas zu sagen haben, gerne die Begriffe Augsburg und Bundesliga in Zusammenhang. Es ist das mittelfristige Ziel des Klubs, der noch nie in der Bundesliga spielte, aber 1940 Vizemeister der „Gauliga“, der damals höchsten Klasse, war. Ein Aufstieg bis 2007 wäre schön, zum 100-jährigen Vereinsjubiläum.

Ungünstigerweise versperrt der glanzvollen Augsburger Zukunft die triste Gegenwart den Weg: Die Spieler scheinen das vorgegebene Tempo nicht mithalten zu können. Durch eine Heimniederlage gegen den Tabellen-15. Offenbach beraubte sich Augsburg vergangene Woche der Chance, am heutigen letzten Spieltag den Zweitligaaufstieg aus eigener Kraft zu schaffen. Es droht ein weiteres Jahr Regionalliga – und der erste Rückschlag für den Entwicklungshelfer Armin Veh.

Als der Trainer vor einem halben Jahr überraschend seinen Job beim Bundesligisten Rostock hinwarf und in Augsburg anheuerte, war das mehr als eine Vertragsunterzeichnung – es war eine Heimkehr. Veh ist in Augsburg geboren, war Ende der Siebziger Spieler beim FCA, von 1990 bis 1995 Trainer. Wenn er von seinem neuen alten Verein spricht, lehnt er sich zurück und klingt wie jemand, der nach amourösen Irrfahrten geläutert zu seiner Jugendliebe zurückgefunden hat. Er glaubt selbst, dass es ein bisschen kitschig klingt, „wenn man sagt: ‚Das Herz hängt dran.‘ Aber in diesem Fall ist das so.“

Die romantische Note war freilich nur einer der Gründe für Vehs Engagement, der eigentliche Reiz der Aufgabe ergab sich aus der Einmaligkeit der aktuellen Chance. „Wenn wir es in dieser Konstellation nicht schaffen, wird Augsburg auch in den nächsten 20 Jahren nicht aus dem Amateurfußball herauskommen“, sagt Veh. „Ich will so schnell wie möglich zurück in die Bundesliga.“ Man könnte fragen: Wieso ist er dann nicht in Rostock geblieben? Niemand drängte ihn dort zum Rücktritt, Hansa stand nicht einmal auf einem Abstiegsplatz, doch Veh hatte nach knapp zwei Jahren das Gefühl beschlichen, er könne nichts mehr bewegen. Also bat er den Vorstand um Vertragsauflösung. Dann sei die Anfrage aus Augsburg gekommen. Manche zweifeln an der Reihenfolge. So soll es ein Treffen zwischen Veh und einem Aufsichtsrat der Augsburger einige Tage vor Vehs letztem Spiel als Hansa-Trainer gegeben haben, bei einem Empfang in Augsburg.

Den plötzlichen Abschied mochten in Rostock jedenfalls nicht alle als selbstlose Geste verstehen. Mittelfeldspieler Rene Rydlewicz etwa ließ ausrichten, Vehs Verhalten sei „das Hinterhältigste und Feigste“, was er je erlebt habe. Veh sagt dazu heute: „Andere Trainer stellen sich hin und sagen: ‚Ich gehe nicht, ich lasse die Mannschaft nicht im Stich‘, all diese Floskeln, die teilweise Heuchelei sind. Wieso kann man das nicht anerkennen, dass einer von sich aus geht, bevor es zu spät ist?“ Finanzielle Motive lassen sich Veh kaum vorwerfen. Er kassierte keine Abfindung, und in Augsburg verdient er weniger als in Rostock, wenngleich sich dies dem Vernehmen nach in der Zweiten Liga ändern würde.

Möglich macht das Walther Seinsch, der Vorstandschef und Multimillionär. Er hat den Verein vor vier Jahren vor dem wirtschaftlichen Kollaps bewahrt. Er war auch der Erste, der in Augsburg von der Bundesliga sprach – dafür brauchte er Veh. Das Duo gab es schon einmal, vor einigen Jahren in Reutlingen, samt ähnlicher Vision, die aber zu groß war für die kleine Stadt. In Augsburg indes wünschen sich alle den Doppelaufstieg. Spätestens 2005 ist der Klub ohnehin zum Aufstieg gezwungen, in der Dritten Liga ist das Team auf Dauer nicht finanzierbar. Mit 3,5 Millionen Euro hat Augsburg schon jetzt einen höheren Etat als mancher Zweitligist. Einige im Umfeld munkeln, Vehs Engagement könnte bei einem Nichtaufstieg schon bald enden.

Gelingt ein Sieg bei Absteiger Eschborn und sollte Konkurrent Saarbrücken nicht mehr als einen Punkt holen, wäre das erste Etappenziel doch noch erreicht. Klappt es nicht, wird es eng für das Projekt 2007.

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